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rabenmütter

More than mothers...

FaviconIm Namen des Kindes 4 Jan 2009, 8:51 am

Wenn Paare sich scheiden lassen, erhalten meistens die Mütter das Sorgerecht. Viele Väter sind daher frustriert. Der Bundesrat will ihnen jetzt mit einem neuen Gesetz helfen. Und gibt den Vätern mehr Einfluss. Hat er sich das gut überlegt?

Text: Mathias Ninck für DAS MAGAZIN


Die Kohlers sind eine ordentliche Familie. Ja, richtig ordentlich sind sie und durchorganisiert und systematisch. Und doch, die Kohlers leben in einem Nest. So nennen sie es, und das klingt natürlich ein wenig nach Durcheinander, nach herumliegenden Stofftieren, nach umge-kippten Schultheken, verstreuten Farbstiften und Strumpfhosen, das riecht nach der warmen Muffigkeit einer Familie, die sich tapfer und vergeblich der ewigen Kraft der Unordnung entgegenstemmt.
In dem kleinen unspektakulären Einfamilienhaus, weiss gestrichen, mit Steinplatten und frisiertem Buchsbaum davor und einem Wintergarten dahinter, sauber aufgereiht neben sieben identischen Häusern, irgendwo in der Agglomeration zwischen Baden und Basel, liegt aber kaum etwas herum. Kein Buch, keine Spielsachen, kein Verschönerungs-Schnickschnack, weder Blumen noch Fotos oder Kinderzeichnungen. Eine Kerze, das ja. An der Wand die Stundenpläne der drei Kinder. Die Stube: ein Esstisch, sechs Stühle, ein Regal. Die Vorhänge haben ein lila Blumenmuster. In den Kinderzimmern: Bett, Pult, Einbauschrank. Beim Jüngsten, dem zehnjährigen Sven, immerhin, verweist etwas unübersehbar auf eine Leidenschaft; an der Wand hängt das Poster von Fernando Torres, dem Spitzenfussballer beim FC Liverpool.

Die Nüchternheit dieses «Nests» ist wohl der Tatsache geschuldet, dass die Wohnung praktikabel sein muss: Gion und Denise Kohler (die in Wirklichkeit anders heissen), die Eltern, fliegen wie Vögel ein und aus und versorgen abwechselnd die Jungen mit Futter und Zuneigung. Vor zwei Jahren, ein paar Monate nach ihrer Trennung, haben sie das so eingerichtet, haben das «Nestmodell» gewählt, wie es die Juristen nennen. Die Eltern sind ausgezogen, jeder in eine eigene, billige Einzimmerwohnung, die Kinder blieben, wo sie immer waren. Ist der Vater dran, zieht er zu den Kindern, kocht und putzt und wäscht, und dann packt er seinen Rucksack und geht wieder, während Denise auf dem Velo sitzt und aus Lenzburg anreist. Manchmal kommen mit den Eltern die neuen Partner mit, es ist ein Ein und Aus, vier Erwachsene und drei Kinder, die in wechselnder Formation in dem Haus zusammenleben.
Im März 1994 hat Gion Kohler in der Zeitung eine Annonce aufgegeben. Suche Leute zwischen 25 und 40 für Hochgebirgstouren. Er war 30 Jahre alt. Zehn Leute meldeten sich, darunter die damals 24-jährige Denise, im Sommer darauf war sie schwanger. Hochzeit im Februar 1995, «es war eine Hochzeit in Weiss», sagt sie, «es lag haufenweise Schnee». Gion und Denise sitzen am Stubentisch, ein eiskalter Nachmittag im November, schwärmerisch erzählt sie von dieser Hochzeit im Berghotel Waldhof, von den «vielen schönen Produktionen», vom Gedicht ihrer Schwester… Da unterbricht er sie mitten im Satz: «Bist du verlobt?»
Sie senkt den Blick auf ihre rechte Hand. «Nein, es ist ein Freundschaftsring. Hast du den jetzt zum ersten Mal gesehen?»
«Den sehe ich zum ersten Mal.»
«Hab ihn auch ganz neu.»
Sie schauen sich an.
«Ich möchte dann nicht zu spät sein mit Gratulieren», sagt er trocken.
Da wiehert sie vor Lachen und sagt: «Herrgott, du bisch eine.»

Im Herbst 2008 hat das Gericht die Kohlers geschieden, seit drei Wochen ist das Urteil rechtskräftig. Die Ehe ist vorbei, vierzehn Jahre nachdem sie im Obertoggenburger Schneegestöber mit fröhlichem Tamtam begonnen hatte. Jetzt könnten die beiden ihrer Wege gehen. Doch sie tun es nicht. Sie bleiben für die nächsten sieben, acht Jahre verbunden. Sie haben das gemeinsame Sorgerecht für ihre drei Kinder beantragt, zwei Buben und ein Mädchen, und damit signalisiert, dass der Bruch ihres Bündnisses nicht das Ende der Familie bedeutet. Und der Richter hat ihnen dieses Recht zugesprochen.
Bis der Jüngste volljährig ist, werden sich Denise und Gion nun immer wieder zusammensetzen und die wichtigen Dinge ihrer Kinder gemeinsam regeln. Soll der Älteste weiterhin ins Eishockey-Training gehen? Wie viele Stunden pro Woche darf er am Computer sitzen? Wie viel Sackgeld bekommt die Tochter? Obwohl das vernünftig und verallgemeinerbar aussieht – die Kohlers sind doch ein Sonderfall. Das gemeinsame Sorgerecht erhält hierzulande nur jedes vierte Scheidungspaar. In der Mehrheit der übrigen Fälle wird der Mutter das alleinige Sorgerecht für die Kinder zugesprochen. Das derzeit gültige Scheidungsrecht schreibt dies vor: Der Richter überträgt das Sorgerecht einem Elternteil, in der Regel der Mutter, bei der die Kinder meistens auch wohnen. Nur wenn sich beide, Mutter und Vater, vor der Scheidung einigen und die «gemeinsame elterliche Sorge», wie sie im Juristendeutsch genannt wird, förmlich beantragen, kann der Richter von dieser Regel abweichen. Es braucht mit anderen Worten immer die Einwilligung der Mutter in die gemeinsame Sorge. Die Mütter haben damit einen Trumpf in der Hand: Wenn sie nicht wollen, haben die Väter nach der Scheidung bezüglich Kindererziehung nichts mehr zu sagen.

Ist das gerecht? Die Frage beschäftigt die Juristen seit einem guten Jahrzehnt. Es war Ende der Neunzigerjahre, in einer Anwaltskanzlei in Schwyz, als zwei junge Anwälte aufeinander einredeten, mal ruhig, bald fiebrig, wochenlang. Damals wurde im eidgenössischen Parlament gerade das Scheidungsrecht überarbeitet, zentraler Punkt war die Frage, ob die gemeinsame elterliche Sorge möglich sein soll. Der eine Anwalt fand: Wenn die Eltern auseinandergehen, sind Streitereien über die Erziehung der Kinder absehbar. Der Zank geht immer weiter, weshalb es nötig ist, ein für alle Mal zu wissen, wer das Sagen hat. Es muss Ruhe einkehren! Der andere Anwalt hielt dagegen, das Ende einer Partnerschaft habe mit der Elternschaft nichts zu tun. «Man ist Mutter und Vater, egal, ob man sich liebt oder streitet. Es ist ein Job, den man 20 Jahre lang hat.» Er war ein Idealist, dieser Anwalt, und er sagte damals zu seinem eher nüchtern veranlagten Büropartner: «Väter und Mütter haben die Pflicht, als erwachsene Männer und Frauen sich im Interesse der Kinder aus ihren Schmerzen, ihrer Wut und aus dem ganzen Hass herauszuarbeiten. Sie müssen sich verständigen, sonst machen sie sich schuldig an den Kindern. Kinder haben das Recht auf eine gute Kindheit.» Er fand, das müsste eigentlich im Gesetz stehen.

Geschlechterkrieg
Der Anwalt heisst Reto Wehrli. Er ist 43 Jahre alt, katholisch, Vater eines Sohnes. Jahre nach dieser Diskussion mit seinem Büropartner wurde er für die CVP in den Nationalrat gewählt, das war 2003. «Da sagte ich mir: So, jetzt hast du die Gelegenheit.» Er reichte ein Postulat ein mit dem Titel «Elterliche Sorge – Gleichberechtigung», in dem er den Bundesrat auffordert, «zu prüfen, wie die gemeinsame elterliche Sorge bei nicht oder nicht mehr miteinander verheirateten Eltern gefördert und ob die gemeinsame elterliche Sorge als Regelfall verwirklicht werden kann». Bundesrat Blocher, in dessen Zuständigkeit die Sache fiel, empfahl dem Parlament, den Vorstoss anzunehmen. Als es dann am 7. Oktober 2005 im Nationalrat zur Debatte kam, wurde rasch klar, worauf es hinauslaufen würde – auf einen Geschlechterkrieg.

Jacqueline Fehr, Anita Thanei, Ruth-Gaby Vermot, altgediente Sozialdemokratinnen, sagten Sätze wie: «Ich habe mich bei geschiedenen Frauen umgehört, hier im Saal, draussen im Leben. Das Bild ist ziemlich einheitlich. ‹Wieso denn eine Scheidung, wenn es nachher gleich weitergeht wie vorher?›, sagen diese Frauen. ‹Damit wäre doch der Streit nur weitergegangen. Ich hätte mich mit allen Mitteln dagegen gewehrt› – das ist der Tenor. Wer glaubt, dass die Frauen das gemeinsame Sorgerecht einfach so akzeptieren würden, täuscht sich.» Und: «Es sind meistens die Frauen, die Teilzeit arbeiten; es sind die Frauen, die mit den Kindern zum Zahnarzt gehen, es sind die Frauen, die die Kinder in den Kindergarten und in die Schule bringen. All diese Männer, die jetzt auf einmal mitsprechen wollen, wollen nicht mittätig sein, sie wollen eben nur mitsprechen.» Und: «Hinter dem Postulat stehen militante Männerorganisationen. Sie kämpfen um Macht über die Kinder und über die Frauen.»
Das feministische Gelände war markiert.

Auf der anderen Seite mischten sich SVP-Politiker wie Caspar Baader oder Oskar Freysinger in den Kampf. «Frau Fehr, Sie kämpfen ja immer für die Gleichbehandlung der Geschlechter. Finden Sie es tatsächlich richtig, dass bei der heutigen Regelung das Sorgerecht nur dem einen oder dem anderen Elternteil zusteht? Entspricht das Ihren Vorstellungen von Gleichberechtigung?»

Entlastung
Am anderen Tag schrieben die Zeitungen, die Debatte über das Scheidungsrecht habe einer Verhandlung vor dem Scheidungsrichter geglichen. Ein gefühlsbestimmter Schlagabtausch, Mann gegen Frau. Dabei hatte Chantal Galladé, die junge strebsame Zürcher Sozialdemokratin, der Sache einen neuen Drall gegeben. «Es fällt mir auf», hatte sie in den Saal gerufen, «dass dieser Vorstoss von vielen unterschrieben wurde, die der jüngeren Generation angehören. Vielleicht hat das damit zu tun, dass wir Jüngeren eher schon als Kinder von Scheidungseltern aufgewachsen sind. Wir sind also quasi die Scheidungskindergeneration. Wir sind es, die in diesem Staat von dieser Regelung potenziell betroffen sein werden, weil wir kleine Kinder haben und dann vor diese Fragen gestellt werden. Deshalb möchte ich an Sie appellieren: Lassen Sie uns unsere Probleme doch auf unsere Art lösen. Wir haben einen anderen Ansatz, eine andere Vision, wie man hier als Paar oder als Eltern miteinander umgehen könnte. Lassen Sie es uns doch einfach mal probieren. Unterstützen Sie das Postulat!»

Das gemeinsame Sorgerecht. Gion Kohler räuspert sich. Es war damals, als sich die Trennung abzeichnete, ein Spaziergang auf die Lägern, bei dem er und Denise die Frage anpackten. Er sagte zu ihr: «Behalten wir wenigstens das gemeinsame Sorgerecht?» Für sie war das keine Frage, sie erinnert sich nur vage an den Spaziergang und das Gespräch. «Ich hatte gehofft, dass wir die gemeinsame Sorge haben würden», sagt sie. «Die Kinder haben das Recht, eine Beziehung zum Vater zu haben. Gerade für die Buben ist das wichtig.»

Wie hehr das klingt. Viel zu edelmütig, wenn man Gion Kohler fragt. «Jajaja», brummt er. «Du darfst jetzt schon zugeben, dass es für dich Vorteile bringt. Es ist eine Entlastung. Du hast viel mehr Freiheit.»
Sie nickt. «Es ist eine Entlastung, ganz klar.»

Recht zahm sitzen die geschiedenen Eheleute da am Stubentisch, aber das war nicht immer so. Sie haben zweieinhalb Jahre zähes Ringen hinter sich, zuerst die Eltern- und Trennungsvereinbarung, dann die Scheidungskonvention, und sie haben rund 9000 Franken ausgegeben für die Sitzungen mit ihrem Anwalt und Mediator. «Ohne den hätten wir die Kurve nicht gekriegt», sagen sie beide. Die Kohlers haben, wie sie sagen, ihre Fähigkeit, die Paarprobleme von der Kinderfrage zu trennen, «dank der Mediation» ausgeschöpft. «Zum Glück haben wir es ohne Kampf um das Sorgerecht geschafft.»
Verletzungen sind geblieben, klar. Enttäuschungen. Anfangs wollte Gion «den Spiess umdrehen». Er sagte zu seiner Frau, sie habe zehn Jahre lang den Kindern geschaut, jetzt sei er dran. Jetzt solle sie arbeiten und das Geld verdienen und er betreue während den nächsten zehn Jahren die Kinder.
«Da habe ich gesagt: Aber hallo!»

Ein Guru werden
Denise arbeitet in einem Gastrobetrieb, es ist eine 40-Prozent-Stelle, sie hat unregelmässig Dienst. Mal tagsüber, mal abends. Ab und zu am Wochenende. Er ist gelernter Schreiner, inzwischen gibt er Weiterbildungskurse, coacht KMU-Chefs, und zusammen verdienen sie brutto 120 000 Franken im Jahr. Die Kohlers sind also eine Mittelstandfamilie, wie es sie zu Tausenden gibt in der Schweiz. Nicht arm, aber jeder Franken zählt. In ihrem Kühlschrank stehen M-Budget-Produkte.

Vor der Trennung war sie ganz Hausfrau und Mutter. Und jetzt das: «den Spiess umdrehen»? Auf ihrem Gesicht erscheint ein Anflug von Ärger. «Die ersten zehn Jahre waren Knochenarbeit. Ständig die Babys rumtragen, am Tisch drei Mäuler löffeln oder etwas zerschneiden, oft kam ich zum ersten Bissen, wenn alles schon kalt war. Und die Nächte! In den ersten Jahren habe ich keine Nacht durchgeschlafen.» Sie macht eine Kunstpause und dann eine Handbewegung in die leere Stube. Und heute? Die Tochter ist beim Schlittschuhlaufen, der Älteste bei seiner Freundin; Sven sitzt oben am Computer. «Die Kinderbetreuung ist heute doch etwas ganz anderes.»

Den Spiess umdrehen: Manch eine Mutter würde sich das wünschen. Warum hat es Denise ausgeschlagen?
«Ich habe Nein gesagt», sagt sie trotzig.
«Den Spiess umdrehen, das wäre nur fair gewesen», wiederholt Gion, und seine Stimme klingt bedrückt. Er redet bedacht (während Denise impulsiv ist und oft unvermittelt laut wird), er sagt es noch einmal, ja, doch, er hätte das gerne gemacht. «Aber ich habe eingesehen, dass du, Denise, dazu nicht Hand bietest, und ich habe mich gezwungen gesehen, im Sinne einer für alle guten Lösung nachzugeben.»

Denise streckt ihren drahtig-athletischen Körper mit einem Ruck durch. «Hey. Hundert Prozent im Service arbeiten ist extrem anstrengend. Der Level ist hoch, da wäre ich innerhalb eines Jahres ausgebrannt gewesen. Ich würde es schlicht nicht schaffen. Und was ich als meinen Hauptjob will, das sind meine Kinder. Ja. Darum habe ich in der Mediation auf den Tisch geklopft und gesagt: So nicht! Ich habe gesagt: Ich unterstütze das nicht, dass du daheim herumsitzt und dich selber verwirklichst und ein Guru wirst.» Gion habe so Ideen gehabt, erklärt sie, ein bisschen Haushalt und daneben «so gurumässig öppis» zu machen, «und ich müsste mich abkrüppeln».
Gion: «Du hast nicht gecheckt, dass ich mich in den vergangenen zehn Jahren genauso abgekrüppelt habe.»

Und so funktionieren sie heute, die Kohlers: Die Mutter betreut die Kinder im «Nest» von Montag bis Donnerstag, am Donnerstagabend essen sie gemeinsam Znacht, dann übernimmt der Vater – und zwar jedes zweite Wochenende bis am Montagmorgen. An den anderen Wochenenden quittiert Gion am Freitag den Familiendienst und zieht sich in seine Einzimmerwohnung zurück. Einmal pro Woche, wenn die Mutter im Hotel Schicht hat, übernimmt er einen zusätzlichen Tag.
«Die absolute Gerechtigkeit gibt es nicht», sagt Gion. «Aber klar, wenn einen die Gefühle überfluten, Ärger und Hass und was auch immer, dann ist man blockiert.»

Gerechtigkeit sei wichtig, meint Denise, man dürfe gefühlsmässig nicht den Eindruck haben, man komme zu kurz. «Das war uns während des ganzen Prozesses mit dem Mediator gar nicht bewusst. Aber rückblickend war das wohl der Grundgedanke, der hinter allem steckte. Mit Blick auf die ungefähre Ausgewogenheit hat der Mediator uns sanft gelenkt, wenn nötig auch mal mit einer provokativen Bemerkung.»

Den Umgang mit den Kindern haben die Kohlers genau geregelt. Sie wussten um das Risiko des Scheiterns. «Wahrscheinlich findet man in der Schweiz niemanden mit einer so ausführlichen Scheidungsübereinkunft.» Normalerweise raten Anwälte vom sogenannten Nestmodell ab, häufig bricht es tatsächlich nach zwei, drei Jahren auseinander. Meistens dann, wenn neue Partner ins Spiel kommen. Da findet dann einer ein Haar in der Dusche und hat sofort eine Fantasie. Bei Kohlers hiess es darum in der Vereinbarung: «Neue Partner nehmen nicht am Nest teil.» Später strichen sie diesen Passus wieder, dazu wurden die Kinder befragt, der Mediator konsultiert. Und das Haus wurde umgebaut. Jeder Elternteil hat nun ein eigenes Schlafzimmer mit Dusche. Und wenn einer am Wochenende Besuch des neuen Partners hat, muss danach das WC «grob gereinigt» werden – so stehts in der Vereinbarung.

Empörung, Wut
Viele Juristen und Psychologen sehen heute in der schwächeren Rechtsposition der Väter eine Diskriminierung des Mannes zugunsten eines Müttermonopols. Dass Väter nach jahrelangem Familienleben bei einer Scheidung ohne Rücksicht auf die Umstände vom Sorgerecht ausgeschlossen werden können, führt zu Empörung und Wut. Seit ein paar Jahren sammelt sich dieser Zorn in Vätervereinigungen, von denen alle paar Monate ein neuer gegründet wird: «MANNzipation», «Väter ohne Sorgerecht», «Interessengemeinschaft geschiedener Väter» – hier treffen sich die Männer, deren Geschichten sich haarsträubend anhören, eine wie die andere.

Da ist der junge Vater, dessen Frau nach der Geburt des Kindes in eine Depression abrutscht, der eingesprungen ist und alles übernommen hat, das Baby, den Haushalt, der Aufmunterungsaktionen eingeleitet hat gegen den mütterlichen Babyblues, wochenlang, und dann, irgendwann, wieder ins Büro muss. Die Beziehung geht in die Brüche. Die Frau sagt zu ihm: Gemeinsames Sorgerecht? Das kannst du dir abschminken. Und dann steht der Mann vor dem Richter, und dieser sieht, dass der Mann 80 Prozent arbeitet. Der Fall ist für den Richter klar: Die Frau bekommt das Sorgerecht.

Da ist der Mann mittleren Alters, der ein Jahr lang mit seiner Frau verhandelt hat über die gemeinsame elterliche Sorge, schliesslich ist sie einverstanden. Aber dann widerruft sie plötzlich und scheinbar grundlos (sie hat erfahren, dass ihr Ex-Mann mit seiner neuen Freundin zusammenlebt).

Die Männer in diesen Vereinen wollen nur eines: die gemeinsame elterliche Sorge als Regelfall bei der Scheidung. Die Heilserwartung in ein neues Gesetz ist gewaltig, jeden Tag rufen Scheidungsväter im Bundesamt für Justiz an und fragen mit brennender Ungeduld nach dem Stand der Arbeiten, oder sie wollen wissen, ob das dann auch rückwirkend noch Anwendung findet. «Viele Männer haben jahrelange Streitereien hinter sich, fühlen sich von den Behörden übergangen, von der Ex-Frau hereingelegt, und vor dem Hintergrund dieses unendlichen Drehens um sich selbst wird das Sorgerecht zu einer Art Trophäe, die man sich an die Wand hängen will», erklärt Oliver Hunziker, 43, Präsident des nationalen Dachverbandes für gemeinsame Elternschaft.

All die verbitterten und desillusionierten (und oft auch selbstgerechten) Männer werden enttäuscht sein. Kein Gesetz kann sie erlösen. Denn ob man sich nach einer gescheiterten Ehe zusammenraufen und einvernehmlich für die Kinder sorgen kann, das hängt nur in beschränktem Mass vom gerade gültigen Recht ab. Es ist zuerst einmal eine Frage des Charakters und der psychischen Gesundheit.
Und doch scheint die Zeit reif, den Männern dieses kleine Recht mit dem grossen symbolischen Gehalt zuzugestehen und – ja, klar – dieses Stückchen Macht. Reto Wehrlis Postulat wurde im Nationalrat jedenfalls deutlich angenommen – mit 136 zu 44 Stimmen. Das Bundesamt für Justiz hat seither an einer Gesetzesvorlage gearbeitet, die im Dezember 2008 fertig geworden ist. Es schlägt darin das gemeinsame Sorgerecht als Regelfall vor, unabhängig vom Zivilstand. Es verlangt in anderen Worten von den Scheidungspaaren den grossen Spagat der Gefühle: Obwohl sie nichts mehr miteinander zu tun haben wollen, müssen sie sich regelmässig zusammen an einen Tisch setzen und die wichtigen Kinderfragen klären. Das Gesetz wirft die (ehemaligen) Paare also zurück auf die Elternschaft, genau wie Reto Wehrli das in seinem Postulat reklamiert hat. Eveline Widmer-Schlumpf, die Vorsteherin des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements, wird den Gesetzesentwurf in den nächsten Wochen dem Bundesrat vorlegen und dann in die Vernehmlassung schicken. In zwei oder drei Jahren könnte das Gesetz in Kraft sein.

Theoretisch. Denn politisch ist die Sache längst nicht entschieden. Ein unverbindliches Postulat ist das eine, ein Gesetz etwas anderes. Die Vorlage hat zwei Knackpunkte. Zum einen die Frage, was die gemeinsame elterliche Sorge alles beinhalten soll. Sicher das Aufenthaltsbestimmungsrecht. Aber muss dann eine Mutter, wenn sie mit ihrem Kind von Zürich nach St. Gal-len ziehen will, erst das Einverständnis des Vaters einholen? Eigentlich schon. Aber was bedeutet das in einer Zeit, in der die Flexibilität der Arbeitnehmer eine so grosse Bedeutung bekommen hat? Was bedeutet das vor dem Hintergrund, dass heute mehr als die Hälfte aller Ehen binational sind?

Aufruhr verursachen wird zum andern der Umstand, dass künftig nicht nur Geschiedene automatisch das gemeinsame Sorgerecht bekommen sollen, sondern auch die Unverheirateten – also Eltern im Konkubinat. Manch ein Politiker wird das als Angriff auf die Institution Ehe deuten, manch einer wird die Frage stellen: Warum soll man dann noch heiraten?

Langsam setzt sich der Gedanke im öffentlichen Bewusstsein fest, dass wir in der Schweiz vor einem emotional folgenreichen Moduswechsel stehen. Reto Wehrli, der Schwyzer Nationalrat, reist schon seit einem Jahr durchs Land, von Podiumsdiskussion zu Themenabend, mal bei den FDP-Frauen Luzern, mal beim Studentenverein in Zürich. Er redet in Fernsehtalks, und meist sitzt an seiner Seite eine Frau, die auffällt, weil sie nicht wie die anderen entlang der Geschlechterlinie argumentiert. Sie heisst Liselotte Staub, ist Psychotherapeutin und Autorin eines an den Gerichten oft konsultierten Leitfadens – «Scheidung und Kindeswohl».

Liselotte Staub sagt, mit der gemeinsamen elterlichen Sorge als Regelfall würden die Probleme einer Scheidung nicht gelöst, aber die Ehepaare würden aus der heutigen Kriegslogik befreit. Und sie erzählt zur Illustration die Scheidungsgeschichte eines Lehrers, die sie für typisch hält. Dieser Lehrer hat voll gearbeitet und gleichzeitig in seiner Freizeit viel mit den Kindern unternommen. Er möchte das gemeinsame Sorgerecht, die Frau nicht. Vor dem Richter sagt er, er würde das Pensum reduzieren, er legt einen Betreuungsplan vor; der Richter meint, wenn die Frau nicht wolle, hätten sie ja ständig Konflikte und das sei für die Kinder nicht gut. An diesem Punkt ändert der Anwalt des Lehrers die Strategie. Er sagt zu ihm: «Wir müssen auf tutti gehen. Jetzt müssen wir Vollgas geben. Sie müssen für das alleinige Sorgerecht kämpfen, und da muss der ganze Schmutz auf den Tisch.» Vor Gericht wird nun um die Kinder gestritten, es ist letztlich der Kampf um die Frage, wer der bessere Elternteil ist. «Dieser Kampf ist nie und nimmer im Interesse des Kindes», sagt Staub.

Dass heute an den Gerichten die Frage nach dem kompetenteren Elternteil gestellt wird, ist für die Psychologin nicht zuletzt ein Erbe des im Jahr 2000 überarbeiteten Scheidungsrechts. Damals hat man sich vom Verschuldensprinzip abgewendet. «Die Ausklammerung der Schuldfrage hat eine neue Kampfzone aufgetan, nach dem Motto: Wenn nicht mehr geklärt wird, wer für das Scheitern der Ehe verantwortlich ist, muss wenigstens entschieden werden, wer der bessere Elternteil ist.» Stark verkürzt, lautet die innere Logik: Wenn jemand auf der Suche nach dem Grund des Scheiterns alleingelassen wird und kein Richterspruch Klarheit schafft, sucht er auf anderem Weg den Ausgleich.

Es ist Nie zu spät
So wie manche Mütter selbstgefällig alles immer besser wissen, sind viele Väter unzuverlässig. Die Unzuverlässigkeit der Väter ist statistisch erhärtet. Liselotte Staub nennt es «die traurige Re-alität». Tatsächlich sagen viele Frauen: Er hat sich vorher auch nicht gekümmert, was will er jetzt das gemeinsame Sorgerecht! Jetzt plötzlich kann er sich um die Kinder kümmern, das ist doch himmelschreiend ungerecht. Er hat mich jahrelang allein wursteln lassen, und jetzt ist er plötzlich der liebe Papi. «Das ist natürlich ein Schlag ins Gesicht der Frau. Es ist die totale Beleidigung», sagt Liselotte Staub. «Aber aus Sicht des Kindes: super!» Es sei nie zu spät, Vater zu werden.

Und dann erzählt sie die Geschichte eines Vaters, der sich sechs Jahre lang nicht mit dem Sohn befasst hat, dessen Ehe letztlich daran gescheitert ist. Dieser Vater, ein Workaholic, verbringt jetzt jedes zweite Wochenende mit dem Sohn, er geht mit ihm ins Museum, macht Hausaufgaben, kurz: Er kümmert sich. Und die Frau? Die findet das überhaupt nicht lustig, sie hätte das all die Jahre gewollt. «Für das Kind aber ist es super, weil es nun die Beziehung zu seinem Vater auch leben kann. Das ist die beste Prävention gegen diese gewaltige Vatersehnsucht, die man bei vielen Kindern feststellt.»

Viele Väter entfremden sich nach der Scheidung von ihren Kindern. Sie ziehen sich zurück, weil sie kein Sorgerecht haben und als Folge davon das Gefühl dominiert, als Elternteil an Bedeutung verloren zu haben. Sie erleben es als Machtverlust, es produziert Hilflosigkeit. Mit der gemeinsamen elterlichen Sorge als Regelfall stünde aber niemand mehr als Verlierer da. Mann und Frau könnten sich auf Augenhöhe begegnen. Das, meint Liselotte Staub, habe im Ansatz etwas Befriedendes. Zudem sei es eine gute Voraussetzung für die Mediation, falls der Zwist wieder aufflackert. In den allermeisten Familien beruhigen sich die Querelen mit der Zeit, selbst wenn die Trennungsphase turbulent war. «Die gemeinsame Sorge ist auch bei Eltern mit hohem Konfliktpotenzial lebbar», sagt Staub.
Draussen, vor dem «Nest», versinken die Birken in der abendlichen Schummrigkeit. Irgendwann an diesem Mittwochnachmittag hat sich der zehnjährige Sven von seinem Computer-Game gelöst und zu den Eltern an den Stubentisch gesetzt. Mit einer Mischung aus Gleichmut und Neugier hat er zugehört, einmal sagt er, er wisse eigentlich gar nicht, warum sich die Eltern hätten scheiden lassen.
«Hast du die Eltern schon mal gefragt?»
«Nein.»
Einen Moment ist es totenstill.
Dann sagt die Mutter, die ihren Kopf aufgestützt hat, zum Sohn: «Gehst du jetzt Kerzen ziehen?»
«Ja.»
«Brauchst du noch zwei Franken für den Docht?»
«Nein, Docht habe ich. Aber ich hätte die zwei Franken trotzdem gerne.»
«Wofür?»
«Einfach so. Zum öppis chaufe.»

Die Frage, warum sich Denise und Gion Kohler haben scheiden lassen, bringt sie nicht in Verlegenheit. Nicht im Geringsten. Sie haben Buch geführt, gründlich, ein Ordner mit der Aufschrift «Partnerschaft» zeugt von den ungezählten Diskussionen in den letzten acht Jahren. «Eine Art Eheplanung war das, Beziehungsarbeit. Unser ewiges Thema war die Nähe», sagt Denise. Und zu Gion: «Gell? Du hattest das Gefühl, ich wollte zu wenig Nähe. Dass es dann in der Sexualität auch nicht grad so läuft, liegt auf der Hand. Wir haben geredet und geredet und das alles aufgeschrieben, wir haben die Beziehung manchmal fast zerredet, so viel haben wir geredet.»
Gion: «Ich habe mir gewünscht, dass du deine Gefühle mehr zeigst. Eigentlich das, was sonst die Frauen von den Männern verlangen. Dabei bin ich auf Granit gestossen. Oder müsste ich sagen: auf Eis?»
Denise: «In diesem Punkt gab es keine Lösung. Wir hatten beide eine Not, und die vielen Blätter, die wir vollgeschrieben haben, waren Ausdruck davon. Wir sind beide logische, klar strukturierte Menschen, und wir haben vielleicht versucht, so aus der Endlosschleife herauszufinden.» Den Ordner hat Denise im letzten Oktober entsorgt, und Gion, der das jetzt erfährt, wundert sich. Wie konntest du! Dann reden sie über dies und das, über seine Erkrankung und die damit verbundenen Ängste, und einmal sagt er: «Ich weiss nicht, wann es anfing, dass du dich dafür interessiert hast, dir auswärts einen anderen Freund zu holen.»
Ein heller Aufschrei ihrerseits. «Nur schon diese Formu-lierung!»
Das Telefon klingelt. Gion nimmt ab. Er sagt: «Doch, doch, die wohnt auch da.» Er gibt seiner Frau, die jetzt seine Ex-Frau ist, den Hörer und sagt: «Wegen dem Kleid.» Sicher, sagt Denise in den Hörer, sie komme es abholen, heute, noch vor halb sechs. Als sie auflegt, kann sich Gion den Kommentar nicht verkneifen. «So, kaufst du ein schönes Kleid?»
Denise Kohler stöhnt und schlägt in einer theatralischen Geste die Hände über dem Kopf zusammen. «Man kann auch nichts geheim halten in diesem Haushalt! Da ist man geschieden, aber der andere weiss immer noch alles!» Dann explodiert sie in ein Gelächter, und er lacht leise mit.

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FaviconDenk- und Babypause 5 Dec 2008, 3:48 am

Ihr habt's vielleicht geahnt. rabenmutter.ch liegt seit fast einem Monat brach, denn das Tagebuch einer Schwangeren hat ein Ende gefunden. Die Schwangere ist nämlich nicht mehr schwanger! Ein wunderbares kleines, gesundes Mädchen ist aus den neun Monaten Gefühlschaos hervorgegangen.

Und deshalb legen wir zur Zeit nicht nur eine Baby- sondern auch eine Denkpause ein. Freut euch auf's neue Jahr, wenn's mit rabenmutter.ch wieder richtig losgeht. Und bis dahin wünscht mir gute Nächte und Nerven...

Euch wünsche ich auf jeden Fall frohe Festtage und bis bald!


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FaviconDie ewigen Jagdgründe 9 Nov 2008, 2:15 am

Glück und Unglück in der Ehe liegen oft nur einen Seitensprung auseinander. Und untreu, sagt die Statistik, sind meist die Männer. Warum tun sie das? Und wie? Unser Autor befragte seine Freunde über sexuelle Abenteuer ausserhalb ihrer Beziehung.

Als ich das erste Mal von Untreue hörte, sass ich neben meinem Vater im Auto. Es war ein Samstag, und wir hatten mit dem Auto Leerflaschen weggebracht, etwas, das ich sehr gern mit meinem Vater tat. Wir sassen schon eine Zeit lang schweigend nebeneinander, als mein Vater plötzlich zu mir sagte: «Du sollst wissen, dass ich deine Mutter nie betrogen habe.» «Äh... okay», sagte ich. Dann legte er eine TKKG-Kassette ins Autoradio, und ich lernte, dass Männer wenig miteinander sprechen. Kurz darauf verliess er meine Mutter für eine andere Frau. Ich war neun Jahre alt.

Jahre später erzählte ich meiner Schwester von der Autofahrt. Sie meinte sofort, dies sei der Beweis dafür, dass er schon früher fremdgegangen war. Es sei sein schlechtes Gewissen gewesen, das da aus ihm gesprochen hätte. Aber ich war mir sicher, dass sie Unrecht hatte. Es war wohl eher so, dass mein Vater in dieser ausweglosen Situation versuchte, vor sich selber seine Würde zu retten. Er wollte, dass ich ihm bestätigte, dass er nicht völlig wertlos war. Okay, das klingt wie der Quatsch auf der Rückseite einer DVD-Box, aber manchmal sind die Sünden, die wir nicht begangen haben wollen, das Einzige, an das wir uns halten können. Wir klammern uns an das, was wir uns selbst vormachen.

Über Treue und Untreue habe ich seither eigentlich nur mit Frauen gesprochen. Die herrlich verruchten Sexgespräche unter Männern? Sie sterben aus, sobald die Männer in festen Händen sind. Dafür wird in der Wissenschaft eifrig über männliche Untreue geforscht. Zum Warmwerden gleich eine unangenehme statistische Erkenntnis: Rund 55 Prozent aller verheirateten Männer gehen fremd oder ziehen es in Erwägung (und übrigens erwarten fast 100 Prozent aller Ehemänner sexuelle Treue von ihrer Partnerin). So weit die Zahlen, aber warum geht die Hälfte der Männer fremd - und warum tut es die andere nicht?

Ich schrieb E-Mails an zwölf verheiratete oder in einer festen Beziehung lebende Freunde, mit der Frage, ob sie mit mir über das Fremdgehen sprechen würden. Bei der Hälfte von ihnen wusste ich von ausserehelichen Aktivitäten. Einer sagte sofort begeistert zu, drei zögerten und willigten nur ein unter der Bedingung, anonym bleiben zu dürfen, drei weigerten sich, einer sagte zu und dann wieder ab und dann wieder zu, vier meldeten sich überhaupt nicht.

In den nächsten Wochen traf ich also fünf Freunde an unauffälligen Orten zu halbkonspirativen Gesprächen oder interviewte sie am Telefon. Einer stand während des fast einstündigen Gesprächs in Unterwäsche auf seinem Balkon - aus Sorge, seine Frau würde etwas mitbekommen.

Als Erstes sprach ich mit einem notorischen Fremdgänger. W. ist ein robuster 34-jähriger Mann, der auf eine Art gut aussieht, wie Filmschauspieler aus den Fünfzigerjahren auf Fotos gut aussehen. Gutes Haar, schöne Augen und eine schamlose Nonchalance im Umgang mit Frauen. Wir kennen uns seit der Schule. Er vögelte schon Frauen, als wir noch Ritter spielten. Wir wollten alle so sein wie W.

Heute arbeitet er in leitender Position in einer Werbeagentur, «14-Stunden-Tage». Seit vier Jahren ist er verheiratet. Seine Frau beschreibt er als «gut, aber anstrengend». Ich kenne sie. Sie ist klug und selbstbewusst und, sagen wir es so, ihr Hirn ist grösser als ihr Busen. Anfangs waren sie sehr verliebt. Probierten sich aus. Gehörten zusammen. Gehörten einander. Und irgendwann ging er fremd. Ein halbes Jahr nach der Hochzeit lernte er Alexandra, die neue Volontärin, kennen. Sie war jung und unverschämt und konnte trinken wie ein Mann. Nach einem der vielen Apéros brachte er sie im Taxi nach Hause. Sie knutschten herum, der Beginn einer Affäre.

Die späten Arbeitsstunden, die Geschäftsreisen - seine Frau war das gewohnt. Falls sie einen Verdacht hatte - sie äusserte ihn nie. Nach einigen Wochen offenbarte Alexandra ihre Gefühle. Dann tat W. das, was man, wie er sagt, in solchen Fällen tun muss: Er lud Alexandra zum Nachtessen ein. Ein gutes Restaurant, gedämpftes Licht, livrierte Kellner - und erklärte ihr, dass er nie seine Frau verlassen würde. Später hatte W. eine weitere Affäre, nichts Ernstes. Natürlich hatte er Gewissensbisse, aber, sagt W., beim Fremdgehen ginge es ihm nur um Sex beziehungsweise um den fehlenden Sex. «Anfangs schliefen meine Frau und ich mehrmals die Woche miteinander, aber mit der Zeit wurde es zu einem Riesenaufwand, sie rumzukriegen, unser Sex wurde immer seltener. Aber ich bin ein Mann, alle zwei Wochen ist mir zu wenig.» W. behauptet, er würde seine Partnerin und die Beziehung schonen, indem er nicht so viel von ihr erwarte, sondern stattdessen woanders Befriedigung suche. Er habe halt «das Fremdgeh-Gen».

Für Sexualtherapeutinnen wie Simone Plüss aus Basel ist W.s Verhalten recht typisch: «Es geht meistens für Männer nicht darum, dass die Ehefrau nicht die Richtige ist, sondern dass sie so anstrengend, fordernd für den Mann ist und dass er sich neben ihr nicht genug Raum nehmen kann. Die meisten Männer haben bereits als Bub erfahren, dass sie mit ihren Bedürfnissen und Handlungsimpulsen nicht akzeptiert werden. Sie leben als erwachsene Männer das Kindermuster weiter, indem sie sich einfach hintenrum nehmen, was sie nicht artikulieren können.» Ein befreundeter Therapeut, dem ich W.s Verhalten schilderte, geht noch weiter: «Vielleicht fühlt sich W. seiner Ehefrau gegenüber unterlegen, fühlt sich von ihr dominiert oder eingeengt. Er ist aber offensichtlich nicht bereit, sich dagegen aufzulehnen. Lieber nimmt er die Verhältnisse so hin, wie sie sind, und entwickelt im Stillen eine Wut gegen sie. Mit der Zeit staut sich dann der Wunsch auf, wieder einmal der zu sein, der wichtig ist für eine Frau, der er seine Bedürfnisse mitteilen kann. All dies bietet ihm seine Affäre.» Häufig, so sagen beide Therapeuten, suchen untreue Männer keinen «exotischen Kick», sondern eine «harmlosere Variante der Ehefrau»: Sie ist meist kleiner, weiblicher, von geringerem Bildungsstand, liebevoller und an ihnen interessierter als die Ehefrau.

So viel zur psychologischen Einschätzung, aber was ist mit W.s perfekter Ausrede aller Seitenspringer, dem Fremdgeh-Gen? Sexualtherapeutin Plüss winkt ab: «Ein überhöhter sexueller Antrieb ist meiner Erfahrung nach selten die Ursache für Untreue. Der Glaube, Männer müssten fremdgehen, liegt eher in der Sozialisation begründet. Das Männerbild, das auch schon Jugendlichen vermittelt wird, ist: Der Mann ist triebhaft.»

Die jüngere Wissenschaft widerspricht Simone Plüss. Die Argumente greifen auf Erkenntnisse der Evolutionspsychologie zurück, einer seit 15 Jahren hochpopulären Disziplin, nach der der Sexualtrieb genetisch programmiert ist. Schwedische Forscher haben diesen Sommer das Fremdgeh-Gen bei vier von zehn Männern entdeckt, ein weiteres Argument für die weit verbreitete These «Wir können halt nicht anders». Einer der Wortführer der Evolutionspsychologie, David Buss, Professor für Psychologie, erklärt die Untreue der Männer so: Ein Mann, der mit fünfzig Frauen schläft, hinterlässt mehr Nachkommen als ein Mann, der bloss mit einer Frau schläft. Und im Kopf habe dieses Erbe der Steinzeit sämtliche Beziehungsmuster und Verhütungsfortschritte bis in die Jetztzeit überdauert. Kritik erhält die Evolutionspsychologie aus der feministischen Ecke: Melissa Hines, Psychologin und Autorin («Brain Gender»), schreibt: «Im Gehirn der Geschlechter gibt es Unterschiede. Aber zu behaupten, dass all unsere Klischees von Männern und Frauen auf Biologie beruhen, ist falsch.» Denn die genaue Wechselwirkung zwischen Sozialisation und Biologie konnte bisher nicht entschlüsselt werden. Wie viel ist Erziehung, wie viel ist genetisch bestimmt? Auch kritische Evolutionspsychologen sagen: Wir wissen es nicht. Sie gehen davon aus, dass Gene und Gehirn zwar Träger von Dispositionen sind, aber was daraus entsteht, wird mitbestimmt durch frühkindliche und lebenslange Prägung.

Wenn es also das Fremdgeh-Gen gibt, heisst das noch lange nicht, dass sein Träger tatsächlich fremdgeht. Und wenn man einen Mann ohne dieses Gen erwischt, garantiert das noch keine lebenslange Treue.

Mein Freund J. (38, jener, der während unseres Telefonats in Unterwäsche auf dem Balkon stand), ist das Gegenteil von W.: treu bis unter die Kopfhaut. Er ist Human Resource Manager, gross gewachsen, sportlich, verheiratet seit fünf Jahren, aktiver Vater dreier Kinder - keine Ahnung, wie er das alles schafft -, ein Traumschwiegersohn an der Grenze zum Spiesser. Obwohl er manchmal gern mehr Sex hätte, betrügt er seine Frau nicht, weil er «zeitlich nicht dazu kommt», wie er halb scherzend anmerkte, und weil er die Vorstellung nicht ertragen kann, dass seine Familie daran zerbricht. Nach einigem Nachdenken fügt er hinzu: «Und wer weiss, ob ich überhaupt eine bessere Frau fände.»

J.s Situation entspricht ziemlich genau der Faustregel, die sich auch aus den einschlägigen Studien destillieren lässt: Paare mit Kindern sind weniger glücklich, haben weniger Sex, bleiben aber länger zusammen. Etwas erschrocken stellte ich fest, dass J. nicht aus Liebe zu seiner Frau treu war, sondern aus Sorge um sein Kleinfamilienidyll. Dabei träumt J., wie eigentlich alle meiner Informanten, von einer perfekten Welt, in der es absolut normal wäre, ausserhalb der Beziehung Sex zu haben und sagen zu dürfen, dass das nichts zu bedeuten hat.

J. fand eines Abends nach viel Bier ein Bild, mit dem er seine langjährige Treue zu illustrieren versuchte. «Die Ehe ist ein Spiel», sagte er, «die Regel ist: Man spielt es zuzweit. Natürlich wäre es spannender mit mehreren Mitspielern, aber du hältst dich an die Regeln, weil du sonst nicht mitspielen darfst.»

Den Grund, warum Männer diese Regeln gern brechen würden, erklärt J. sich damit, dass bei Frauen mit zunehmender Dauer der Beziehung die Lust abnimmt. Jedenfalls habe ihm seine Frau mal gesagt, dass keine ihrer Freundinnen mehr grosses Interesse an Sex hätte. Laut Therapeutin Simone Plüss wird die Frage nach der «Koitusfrequenz» vor allem für Paare mit Kindern wichtig: «Dass Eltern ihr romantisches Liebesideal der Realität anpassen und es weniger erotische Kontakte gibt, heisst noch nicht, dass mit der Beziehung etwas nicht stimmt.» Während die durchschnittliche «Koitusfrequenz» bei 66 Mal pro Jahr liegt, gilt eine Beziehung mit weniger als zehnmal jährlich als «sexlos». Solche Beziehungen hält Simone Plüss oft für problematisch: Bei diesen Paaren drohe der gemeinsame Alltag zum blossen Arbeitsplatz zu verkommen. Um dem entgegenzuwirken, empfiehlt die Therapeutin Paaren mit Kindern, mindestens alle zwei Wochen Sex zu haben. Andererseits: Ist es nicht so, dass man oft Lust aufeinander hat, aber im Gefecht des Alltags den Sex nicht immer umsetzen kann? Warum zählt man, wie oft man Sex hat, und nicht, wie oft man Lust aufeinander hat?

Bei meinen Freunden brachte die Frage nach dem «Wie oft?» folgendes Ergebnis: «Zweimal die Woche», antwortete K., seit vier Jahren in einer Beziehung. Er ist damit der Spitzenreiter - und einer der untreuen Ehemänner. J., der liebende Familienvater, bildete mit «alle zwei Monate» das Schlusslicht. Die restlichen Männer gaben an, alle zwei Wochen Sex mit ihren Frauen zu haben, zwei von ihnen sind de facto untreu.

In einer Umfrage wurden Männer befragt, was sie am stärksten in ihrer sexuellen Beziehung vermissten. Die meisten Nennungen erhielt: Spannung. Anders als ich vermutet hatte, klagten auch meine Männer nicht über zu wenig Sex, sondern über zu wenig spannenden Sex. Aber wie soll man auch für einander spannend bleiben, wenn man sich immer mal wieder zähneputzend auf dem Klo begegnet?

Dazu schrieb die holländische Schriftstellerin Connie Palmen einmal sinngemäss: Jemanden haben wollen ist spannend. Jemanden haben wollen, der einen mal will und mal nicht, ist spannend. Jemanden haben, der einem das Gefühl vermittelt, man sei es nicht wert, jemanden zu haben, ist spannend. Spannung ist das Wesen einer unglücklichen Liebe. Muss in eine Liebe unbedingt Spannung gebracht werden, liegt sie in den letzten Zügen.

Der Grund abnehmender sexueller Leidenschaft muss also nicht unbedingt zunehmende Vertrautheit sein. Obwohl es noch keine verlässlichen Studien gibt, vermuten Sexologen eine der Ursachen auf einem ganz anderen Gebiet: dem grassierenden Pornografiekonsum der Männer, der ihre Lust auf die Partnerin schmälere. Meine Männer - vier von fünf bekannten sich zu Pornokonsum mit Masturbation - bestätigten das. «Es hinterlässt ein Gefühl der Leere und Unlust auf realen Sex mit der Partnerin», sagte einer. Ein anderer bemerkte, der Kick mit den Bildern sei so etwas wie harmloses Fremdgehen.

Ist Pornokonsum bereits Untreue? Anders gefragt: Ab wann beginnt Untreue? Die meisten erklärten, bei Küssen sei die Grenze überschritten. Gleichzeitig ist es wohl unbestritten, dass schon das Lachen der eigenen Frau am Ohr eines anderen schlimmer schmerzt als ein Bandscheibenvorfall.

Ich stehe mit K. (35, «zweimal die Woche Sex») am Bellevue. Wir schauen den knapp bekleideten Gymnasiastinnen hinterher. K. ist Architekt, seit vier Jahren in einer festen Beziehung. Vorher war er mit einer Frau zusammen, bei der er nie sicher war, ob sie am nächsten Morgen noch neben ihm liegen würde. Seine neue Freundin schaut höchstens Kindern nach. K. kann sich nicht vorstellen, dass sie ihn betrügen würde. Und auch er sei ihr nicht untreu. Eigentlich. Nach einigem Zögern berichtet er dann von seiner Art des Fremdgehens: Da er seine Freundin liebe und die Beziehung nicht gefährden wolle, besuche er Prostituierte. Es sei der sicherste Weg, um sexuelle Erleichterung zu bekommen, ohne das Risiko, sich zu verlieben. Er nennt es «das kleine Geheimnis zwischen dem letzten Bier und dem Nachhauseweg». Der Kick der Strasse, ein wenig exotisch, ein wenig fremd, «wie koreanisch essen gehen». Danach habe er wieder Lust auf die Innigkeit mit seiner Freundin. Und kein schlechtes Gewissen.

Mal ganz unabhängig von der moralischen Wertung: Ist das Untreue?

Nein, sagten die Männer.

Ja, sagten Sexologen. Wir sind untreu, sobald wir das Gefühl haben, etwas vor unserem Partner verheimlichen zu müssen. Man müsse nicht jedes Vergehen beichten, gerade in Verbindung mit Alkohol könne es zu Seitensprüngen kommen, die nichts zu bedeuten haben. Aber sobald man regelmässig etwas nachgeht, das man glaubt verheimlichen zu müssen, hintergehe man den Partner.

Es ist die Gretchenfrage des Fremdgehens: Lügen oder Beichten? Meine Männer waren sich einig: «Auf keinen Fall gestehen!» Ich fragte auch W., den notorischen Fremdgeher, ob er seiner Frau schon einmal etwas gestanden hätte. W. lächelte, liess den Espresso-Satz in der Tasse kreisen, trank den letzten Schluck und sagte: «Willst du wissen, wie man fremdgeht?» Ich nickte verlegen. W. beugte sich vor und verriet mir seine Regeln des sicheren Fremdgehens:

1. Die Frau darf sich nicht in dich verlieben. Suche dir Frauen aus, die gebunden sind und die eine Affäre wollen, um ihre Ehe zu retten.
2. Erzähle deiner Frau nichts von der anderen Frau. Also keine Notlügen über eine freundschaftliche Beziehung zu deiner neuen Arbeitskollegin.
3. Leugne. Ehrlichkeit führt nur zu Verletzungen, Gefühlschaos und Rachegefühlen. Natürlich wird deine Frau instinktiv spüren, dass etwas nicht stimmt, aber auch sie hat ihre Lebenslügen. Zum Beispiel, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Also muss sie sich ihre Geschichte zurechtlegen, um zu überleben. Sie wird für dich lügen.

Wer unbehelligt fremdgehen will, muss also bereit sein, etwas dafür zu tun, vor allem zu lügen. Er muss sich wichtige Geschäftsessen nach Büroschluss ausdenken und Fortbildungsseminare, am besten im Ausland, erfinden. Er muss gesendete SMS löschen, E-Mail-Programme mit Passwörtern versehen (und sich diese merken!), und er muss, wenn er doch erwischt wird - das ist keine Regel, sondern ein Gesetz - eisern weiterlügen, während sich der Abgrund unter ihm auftut. Ein grosser Aufwand. Wie einen Job ausüben und sich zeitgleich für einen neuen bewerben.

Vielleicht ist das einer der Gründe, warum 45 Prozent der Männer nicht fremdgehen. Es entspricht der Vermutung einiger Sexologen, dass manche Männer schlicht zu träge sind, um die Mühen des Fremdgehens auf sich zu nehmen, andere wiederum gern fremdgehen würden, aber keine Frau finden. P. (41) gehört in diese Gruppe. Der zweifache Familienvater, der einen glücklichen Eindruck macht, bestätigte, was in keiner Statistik Eingang findet, weil selbst bei anonymen Umfragen kein Mann sich dazu bekennen möchte: Er würde gern mal fremdgehen, aber er findet keine Frau. «Ich bin keine zwanzig mehr, ich stehe nicht betrunken an einer Bar und spreche zehn Frauen an, in der Hoffnung, dass eine mitkommt», erzählt P. mit etwas gedämpfter Stimme von seinem Dilemma.

Es ist aber gar nicht sicher, ob die Hälfte aller Männer fremdgeht. Ein Forscher des Kinsey-Instituts für Sexualforschung schrieb mir: «Männer sind bei keinem Thema unaufrichtiger, als wenn es um die sexuelle Treue geht.» Nach seiner Erfahrung prahlen Männer bei Erhebungen damit, dass sie fremdgehen, obwohl sie tatsächlich treu wie Schosshunde bei ihren Frauchen sitzen.

Allerdings möchte ja auch keine Frau einen Ehemann, der treu ist, weil er zu müde ist zum Fremdgehen oder keine andere abkriegt. Der Schriftsteller Markus Werner hat einen interessanten Gedanken dazu formuliert. Sinngemäss schreibt er: Wir denken, dass zur wahren Liebe eine natürliche Treue gehört. Sobald man untreu wird, war es keine grosse Liebe. Aber verhält es sich nicht mit der Treue wie mit dem Mut? Wer sich nie in Gefahr begibt, dessen Mut bleibt ungeprüft und unbewährt und also unverwirklicht. Folgt man Markus Werners Gedankengang, so müsste also die Treue, um echt zu sein, von der Versuchung heimgesucht werden. Nur die geprüfte Treue zeichnet die wahre Liebe aus.

Der Treueschwur in der Ehe ist eine Erfindung des Christentums, also fragte ich einen befreundeten reformierten Pfarrer, wie er sich männliche Untreue erkläre. Für ihn ist Fremdgehen Ausdruck von Unzufriedenheit in der Beziehung. Vermutlich, so der Pfarrer, habe die Person noch nicht die Richtige gefunden. Aber woran erkennt man die Richtige? «Wenn du die folgenden beiden Fragen mit Ja beantwortest: Kannst du dir deine Frau als die Mutter deiner Kinder vorstellen? Magst du dich selbst, wenn du mit ihr bist?» Am gleichen Abend stellte ich meiner Männergruppe per E-Mail diese zwei Fragen. Bis auf einen antworteten alle Männer Ja auf die erste und Nein auf die zweite Frage.

Zuerst war ich schockiert, aber als ich mit ihnen darüber sprach, verstand ich: Was die Männer meinten, war nicht, dass sie unglücklich sind, sondern dass sie alle hoffen, eigentlich irgendwie anders sein zu können; zuverlässiger, spektakulärer, grossartiger, einfach besser. Sie waren es leid, von ihren Frauen zu hören, was sie wieder vergessen oder nicht beachtet hatten. Manche (W., der Fremdgeher!) waren sich selbst leid, ihre Frauen nicht so zu lieben, wie diese es verdient hätten.

Der jüngste meiner befragten Männer, U. (29), hatte als Einziger mit Ja auf die Frage geantwortet, ob er sich selbst in der Gegenwart seiner Frau möge. U. sieht jünger aus, als er ist. Er sieht gut aus. Er sieht aus, als ob er schon mehr erlebt hätte als ich und auch noch mehr vor sich hat. U. hat auch einen radikal anderen Umgang mit der Treue. Er bevorzugt die offene Beziehung, die Polyamorie. Was häufig für die Lebensform unzivilisierter Dschungelbewohner gehalten wird, hat in der Sexualforschung einen anerkannten Platz bekommen: Das Kinsey-Institut geht seit längerem der Frage nach, ob Polyamorie nicht die klügere Beziehungsvariante ist.

Polyamorie - nicht zu verwechseln mit Polygamie, der Vielehe - ist die Idee einer Gemeinschaft von freiliebenden Paaren in verschiedenen Konstellationen. Zwei Männer mit einer Frau, zwei Frauen mit einem Mann, Doppelpaare - im Unterschied zur «offenen Ehe» ist Polyamorie keine Spielart der Zweierbeziehung, sondern der Versuch, eine Intimität zu schaffen, die auf gegenseitigem Respekt gründet und frei ist von Besessenheit, Bedürftigkeit und Besitzanspruch der Verliebtheit. U. findet, das sei die ideale Lösung. Das einzige Problem: Seine Beziehung zerbrach gerade daran. Seine langjährige Freundin begegnete seiner Offenheit und Ehrlichkeit in Bezug auf Untreue anfangs mit grosser Neugierde. Als sie ihre eigene Exklusivität bedroht sah, ging sie selbst fremd. U. störte es nicht im Geringsten. «Unsere beste Zeit hatten wir, als wir zeitweise in einer Dreiecksbeziehung mit einem anderen Mann waren. Da gab es plötzlich diese romantischen Normen der perfekten Zweierbeziehung nicht mehr.» Am Ende war es seine Freundin, die es dann nicht mehr ertrug, nicht die Einzige in seinem Leben zu sein.

Wenn eine Ehe an der Untreue des Partners zerbricht, heisst esschnell: Das ist nur Ausdruck von etwas anderem, da war irgendwas nicht mehr gut in der Beziehung. Aber vielleicht, überlegt U. laut, vielleicht war ja alles gut, es war aber auch ein verdammt guter Moment, um mit jemand anderem zu schlafen? Treue ist nur ein anderes Wort für Exklusivität, sagt U., was würde schon passieren, wenn wir das Treueideal aufbrächen? Die meisten würden wohl weiterhin in Zweierbeziehungen leben, heiraten und treu sein. Aber es gäbe eine Nische, die vielleicht interessanter wäre.

Ist es wirklich so einfach? Ich konfrontiere die Sexualtherapeutin Simone Plüss mit dem Fall: «Ich würde mit Blick auf sein Alter von einer Phase der Persönlichkeitsentwicklung sprechen. Die meisten Männer entwickeln ab 35 eine grosse Sehnsucht nach einer festen Partnerin oder einem festen Partner. Das Verhalten von U. ist also Ausdruck seiner derzeitigen sexuellen Ausrichtung und auf keinen Fall neurotisch», sagt sie. «Aber es kann Schwierigkeiten geben, eine Partnerin zu finden, die ähnlich tickt.»

Bei einem der letzten konspirativen Treffen sass ich mit U. in einer Beiz. Es war spät geworden. Ich war ratlos. In den letzten Wochen hatte ich vor allem erfahren, dass Männer viel reden, ohne wirklich etwas zu sagen. Dass manche fremdgehen, ohne es nötig zu haben, und andere treu bleiben, obwohl sie längst ihre Frau verlassen haben. Mehr als alles andere, was ich in den letzten Wochen über Untreue erfahren hatte, faszinierte mich aber die fehlende Eifersucht von U. Sie schien mir wie der lang verborgene Schlüssel zu einem komplexen Rätsel. Aber wie macht er das? U. antwortete mit einer Gegenfrage: Wann bist du eifersüchtig? Ich erzählte von meinem schlimmsten Eifersuchtsanfall: Vor acht Jahren liebte ich jemanden. Sie liebte mich. Dann hörte sie auf, mich zu lieben. Dann liebte sie mich wieder. Dann liebte sie jemand anderen, dann uns beide, dann nur mich und dann nur noch ihn. Es machte mich verrückt. Wir waren nicht gleich alt. Sie sagte, das sei ein Vorteil für mich: Du hast noch so viel vor dir. Ich sagte: Ja, so viel Leid. Als die Dame aus meinem Leben verschwand, nahm sie meinen Verstand mit. Schloss ich meine Augen, sah ich sie vor mir, wie einen Film, der sich über der Netzhaut bildet und somit den Blick auf die Wirklichkeit verbaut. Nachts träumte ich von ihr. Ich träumte, dass sie neue Liebhaber hatte, bessere Liebhaber. Ich war so eifersüchtig, dass ich alle Männer, die vor mir mit dieser Frau geschlafen hatten, umbringen wollte, und die, mit denen sie nach mir schlafen würde, auch gleich.

U. hatte ruhig zugehört. «Eifersucht ist das egoistischste aller Gefühle, es handelt immer nur von dir selbst, nie vom anderen», sagte er. Ich nickte. «Und Treue», fuhrt U. fort, «Treue ist der grosse Bruder der Eifersucht.» Was U. meinte: Treue scheint auf den ersten Blick als ein erhabenes, zutiefst erstrebenswertes Gefühl. Aber der Treueschwur in einer Partnerschaft entspringt der Furcht, dass das, was ist, sich ändern könnte. Es ist die Betonmischung für das momentane Glücksgefühl der Liebe. Und vielleicht ihr Grabstein.

Mikael Krogerus ist Redaktor beim «NZZ Folio».

Erschienen in der annabelle 20/08
Text: Mikael Krogerus

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FaviconBaby-Tagebuch: Vorsicht! Schwangerschaft! 4 Nov 2008, 3:49 am

Das Leben als Schwangere hat seine schönen Seiten. Jeder will dir helfen, du darfst nicht mehr schwer tragen und sobald man den Bauch auch sieht – was bei mir bereits im dritten Monat der Fall ist – hält dir die halbe Welt die Tür auf und lächelt dich nett an. Doch gibt es auch Schattenseiten.


Das Schöne überwiegt zwar, doch stelle ich eine gewisse Bevormundung fest, der ich nichts abgewinnen kann. So gelte ich im Erlebnispark als AHV-Rentnerin und die allgemeine Sorge um meine Gesundheit, namentlich, was ich essen und trinken darf, ist schwer zu ertragen, auch wenn es lieb gemeint ist (vor allem, wenn mir die Sorgetragenden gänzlich unbekannt sind). Ich würde nämlich trotz Schwangerschaft im Restaurant gerne mal ein Gläschen mittrinken. Doch da werde ich dauernd ungefragt darauf aufmerksam gemacht, dass ich schwanger bin (als ob ich das vergessen könnte). Tadelnde Blicke und indiskrete Fragen vom Nebentisch nehmen parallel zu meinem Bauchumfang zu.

Ganz interessant wird es mit der Sorge um mich bei mir nahestehenden Personen: meine Mutter und meine Grossmutter, beide ursprünglich Sizilianerinnen. Gemäss ihren Anweisungen darf ich NICHT

- in mein Gesicht fassen, wenn ich Gelüste nach was Essbarem habe. Das Baby kriegt sonst an der Stelle einen Weinfleck (wie Gorbatschov).
- mich nach oben strecken, der Fötus fällt sonst vorzeitig raus (Klar, das hört man doch ständig!).
- eine Halskette tragen, sonst wickelt sich mein Nachwuchs die Nabelschnur um den Hals und erstickt daran (Den Zusammenhang konnten sie mir noch nicht ganz erklären).

Was ich mit diesen Vorsichtsmassnahmen anfangen kann? Erraten! Nichts!

Es scheint in der Natur des Menschen zu liegen, seine Spezies zu schützen. Und deshalb werde ich mir heute eine kleine Virgin Mary genehmigen. Prost!

Text: Nathalie Sassine

Erschienen im wir eltern Nr. 11/08

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FaviconHey Stapipapi 3 Nov 2008, 11:30 am

Bänz Friedlis offener Brief an Zürichs Bald-Ex-Stadtpräsidenten.

Herr Ledergerber, lieber! Respekt. «Vom Stapi zum Papi», das ist der coolste Rücktrittsgrund, den ich je gehört habe. (Für Nichtzürcher: Unser Stadtpräsident tritt vorzeitig zurück, damit er sich vollzeitlich um seinen Sohn kümmern könne.) An jenem Nachmittag hatte ich gerade Hans und seinen Freund, den Aurel, in den Kletterkurs begleitet und mir in der Cafeteria der Kletterhalle eine Schale bestellt, als ich aus einem entfernten Lautsprecher Nachrichtenfetzen vernahm: «Rücktritt …», «völlig überraschend …», «… «Elmar Lederger… – mehr Zeit für seinen Sohn …»

Zunächst denke ich, ich spinne, frage meine Frau per SMS, ob sie Genaueres wisse, schon werweissen wir, was mit Ihrem Sohn wohl nicht stimme. Schwer krank? Drogen? Gravierend muss es sein, dass es den Vater bewog, sein Amt abzulegen. Ist der Bub kriminell? Vom Gymi geflogen? Oder, schlimmer, UBS-Lehrling? Nein, erfahre ich am Abend am Lokal-TV, Ihr Sohn sei ein ganz normaler Pubertierender. Ihm ist der Rummel vermutlich zuwider. Als wärs für einen Jugendlichen nicht peinlich genug, den Stapi zum Papi zu haben – peinlicher ist nur Migros-Kolumnist –, tritt der Vater nun auch noch seinetwegen zurück.

Den Slogan «Vom Stapi zum Papi» hielten Sie, um Worte nie verlegen, grad selber parat. Prompt hält man Ihnen vor, Sie müssten aber auch aus allem einen PR-Gag machen. Ich finde den Gag verzeihlich. Immerhin gestehen Sie mit dem Schritt ein, dass die von Politikern gern zitierte «Quality Time» eine Lüge ist. Väter können nicht jedes vierte Wochenende schampar abenteuerlich mit ihren Kindern in einen Freizeitpark fräsen und meinen, das mache all ihre Abwesenheit wett. Für Kinder gibt es keine «Quality Time», nur Zeit. Die nehmen Sie sich nun für Ihren Sohn. Und noch gibt es so viele Männer, die fürchten, sie verlören jede Männlichkeit, wenn sie sich um Kinder und Küche kümmerten, dass ich um jeden Promi froh bin, der mit dem Beispiel vorangeht. Selbst wenn der Karriereverzicht mit 64 Jahren nur mehr ein -verzichtchen ist.

Kommen Sie doch mal zum Zmittag, Stapipapi! Und bringen Sie Ihren Sohn mit, wenn er mag. Er ist ja schon doppelt so alt wie mein Bub. Der wurde grad acht, ich muss dieser Tage sechsmal Kuchen backen: für den Kindergeburtstag, das Znüni in der Schule, für die Feier en famille, die mit dem Götti, die mit Ömi und diejenige mit Grosi und Grossätti. Und ich gebe es zu: Einmal habe ich in der Eile eine Fixfertigmischung aus der Plastiktüte in die Backform gestreift. Das Resultat hat mich beruhigt: Der Kuchen schmeckte abscheulich. Sie wollen ja nun ein echter Hausmann sein: «Schluss mit Fertigpizza! Ich werde richtig kochen.» Mich nähme wunder, was man zu einem 16. Geburtstag bäckt. Haschküchlein? Und ist man da als Vater überhaupt noch genehm? Oder drängen Sie sich Ihrem Sohn just zu einem Zeitpunkt auf, da er sich von Ihnen lösen möchte?

Einzig dies irritierte mich: «Jetzt ist die Phase, in der der Sohn den Vater braucht», diktierten Sie in die Mikrofone. Ihr Sohn ist fünfzehneinhalb. Nicht, dass ich Sie als den verlässlich jovialdemokratischen Stadtpräsidenten, der Sie waren, hätte missen wollen – aber mit Verlaub, Herr Ledergerber, die Phase, in der Ihr Sohn den Vater braucht, hätte vor ungefähr fünfzehneinhalb Jahren begonnen.

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FaviconBaby-Tagebuch: Schwangerblöd 3 Nov 2008, 1:36 am

Seit ich schwanger bin, verblöde ich regelrecht. Und frage mich, ob die Fehlerquote in wissenschaftlichen Studien auf dieses Phänomen zurückzuführen ist.

Unsere Familienkutsche hat seit den zwei blauen Strichen auf dem Test zwei Beulen und drei Kratzer mehr aufzuweisen. Wie viele Male ich unsere Haustür sperrangelweit offen gelassen habe, kann ich schon gar nicht mehr aufzählen. Ich weiss oft nicht mal mehr, ob ich meinem Mann schon einen guten Morgen gewünscht habe oder ob ich nur dachte, ich hätte es getan. Diesen Zustand nennt man „schwangerblöd“. Den Begriff habe nicht ich erfunden, googeln Sie ihn mal!

Wie so viele andere Dinge, sagt einem auch dies niemand, bevor es soweit ist. Wer hätte gedacht, das frau sich nicht nur körperlich verändert, sondern dass auch ihre geistigen Fähigkeiten merklich abnehmen? Ich frage mich manchmal, wie schwangere Kader-Frauen oder Wissenschaftlerinnen mit dem Problem umgehen. Wie viele aller wissenschaftlichen Studien, die uns täglich vorliegen, werden wohl von schwangeren Frauen geleitet? Man stelle sich die Fehlerquote vor!

Aber schwangerblöd kann noch gesteigert werden: stillblöd. Ich kann mich noch gut erinnern, wie nervig diese Zeit bei meiner letzten Schwangerschaft war. Abgesehen von schmerzenden Brüsten und mangelndem Schlaf, liess ich regelmässig etwas anbrennen, erschrak zu Tode, weil ich dachte, ich hätte mein Baby irgendwo vergessen und verpasste etliche Termine, weil falsch aufgeschrieben.

Und das Schlimmste kommt noch: Denn es wird nie wieder so wie früher, wie mir andere Mütter versichern.

Äh... Wie ging das mit dem Abspeichern nochmal?...

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FaviconOhne mich - Im Elternrat 3 Nov 2008, 1:22 am

Wieso ich im Elternrat bin, in den ich nie wollte. Und es totzdem ganz o.k. finde.

Es ist immer dasselbe, ob im im Verein, in der Weiterbildung oder am Elternabend. Sobald es Aufgaben zu übernehmen gilt, schauen die Leute verlegen zu Boden, räuspern sich noch verlegener und hoffen, dass die Sache bald ausgestanden ist, weil irgendjemand sich aufopfert. Leider denken das ausnahmslos alle, weshalb sich die Ämtervergabe quälend lange hinzieht. Bei uns war es am letzten Elternabend des Kindergarten mal wieder so weit. Mit einer entschiedenen «ohne mich»-Einstellung bin ich zu dem Treffen gegangen. Zwei neue Mitglieder für den Elternrat wurden gesucht und ich wusste schon seit Wochen, dass ich mich auf keinen Fall melden wollte. Unser zweites Kind ist unterwegs, ausserdem bin ich einfach nicht sozial genug, um mich für Angelegenheiten wie den «Sporttag» einzusetzen.

Quälend. Die Elternversammlung wies alle Charaktertypen auf, die in so einer Gruppe garantiert anzutreffen sind. Die Scheuen, die nichts sagen. Die Alteingesessenen, die ihr ehrenamtliches Soll schon erfüllt haben und sorgenfrei mitreden können. Das Grossmaul, das allen erklärt, wie was zu sein hat, selber aber überhaupt keine Zeit hat. Und dann sind da noch die Bedrängten, die es kaum aushalten, mit den anderen auf den Boden zu starren. Die sich auf ihre Hände setzen, weil sie es kommen sehen, dass sie sich sonst melden werden. An diesem Elternabend gab vor allem eine Bedrängte. Die ihr erstes und ihr zweites Kind vergass und die Abneigung gegen Sporttage, nur um die peinliche Stille zu durchbrechen.

Na ja, jetzt bin ich im Elternrat und soll ich euch mal was sagen? Es ist gar nicht so schlecht, v.a. für jemanden wie mich, der gerne über Misstände motzt – so weiss ich wenigstens, worüber ich motze.

Text: Nathalie Sassine

Erschienen in der Basler Zeitung am 1. November 2008.

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FaviconTrsch! 26 Oct 2008, 1:15 pm

Heute werden hier Ohrfeigen verteilt. Etwa an alle, die «Ungeduld» als ihren grössten Makel angeben.

Von Michele Rothen "Miss Universum": Ich fragte neulich ganz naiv einen jungen Menschen, was er denn mal machen wolle, so beruflich. Der junge Mensch meinte, er wisse es noch nicht so genau, aber auf jeden Fall etwas, wo er viel mit Menschen zu tun habe. In dem Moment wollte ich ihm ganz körperlich viel mit einem Menschen zu tun geben und ihn nach allen Regeln der Kunst verprügeln. TRSCH! Allein für die Tatsache, dass er einen Satz braucht, der schon so verdammt oft gesagt wurde. Ich möchte einmal im Leben den Satz hören: «Ich möchte einen Beruf ausüben, bei dem ich so wenig wie möglich mit Menschen zu tun habe. Ich möchte in einem dunklen Kellerloch sitzen und ganz allein für mich irgendeine Arbeit erledigen.»
Es gibt viele solcher Sätze, die mich mit ihrer gesellschaftlich abgenickten Leere anstelle von Ehrlichkeit in den Wahnsinn treiben. Zum Beispiel die Antwort auf die Frage an Missen, Models, Moderatorinnen, welchen ihrer Körperteile sie am wenigsten mögen: «Die Füsse.» TRSCH! Es sind immer die Füsse. Ich wills nie mehr hören. Ich will nur noch ehrliche Antworten, sei das: «Nichts, ich find alles wahnsinnig geil an mir» oder: «Meine Hängebrüste, ich hab nämlich Hängebrüste, man siehts nicht, weil ich immer Push-ups trage, aber ich hab wirklich schlimme Hängebrüste», aber nie mehr: «Meine Füsse».
Und auch nicht: «Früher in der Schule wurde ich immer gehänselt, weil ich so dünn war, sie nannten mich Bohnenstange.» TRSCH! Herrje, du armes, schönes Model. Wurdest gepiesackt, weil damals niemand deine ungewöhnliche Schönheit erkannte? Aber ehrlich, danke für die Info. Wir Normalhässlichen sind SO froh zu hören, dass dein Leben auch nicht immer eitel Sonnenschein war. Genugtuung ist ja das Einzige, was uns bleibt.
Ich will auch auf die Frage nach der schlechtesten Eigenschaft nie wieder hören: «Ungeduld.» TRSCH! Ist natürlich eigentlich eine Tugend, ist natürlich eigentlich Tatendrang und Energie. Oder: «Zu ehrlich.» TRSCH! Ich will mal von irgendjemandem hören, er sei missgünstig. Oder schwer von Begriff. Langweilig, eine enorme Spassbremse, eingebildet.
Man fordert solche Reflex-Floskeln allerdings auch selber oft heraus. Neulich sagte ich zu jemandem, der mir vorgestellt wurde, dass ich schon viel von ihm gehört hätte. Beim «von» etwa wurde mir klar, was ich da tat, dieser Satz ist ja ein Trigger, die Flamme an der Zündschnur, das Schütteln der Champagnerflasche, aber es war schon zu spät, und ich überlegte noch, den Satz an dieser Stelle einfach abzubrechen, «Ich hab schon viel von», aber das ging nicht, oder «Thomas Mann gelesen», «meiner Mutter, die Nase zum Beispiel», «-due gegessen» anzuhängen. Aber das hätte keinen Sinn gemacht, also beendete ich den Satz ordentlich, und natürlich sagte der Mensch dann: «Ich hoffe, nur Gutes.» TRSCH! Aber das war ja wirklich meine Schuld.
Nächstes Mal, wenn mir jemand vorgestellt wird, sage ich: Ach, ja, hallo, ich habe noch nie irgendwas von dir gehört, wahrscheinlich völlig zu Recht, du blöder Langweiler.

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Favicon"Die Frau muss sagen: Ich liebe dich trotzdem" 26 Oct 2008, 12:45 pm

Aus der taz.de: Die Vaterschaft ist in der Krise, sagt der Schriftsteller, Grünen-Politiker und Hausmann Robert Habeck. Grund: Der Vater zerbricht an der Anforderung, ein erfolgreicher Ernährer und zugleich ein vorbildlicher Familienvater zu sein. Entweder jetzt passiert etwas, oder wir fallen in die Zeit vor der Aufklärung zurück, sagt Habeck. Gefragt sei die Politik - und auch die Frau.


INTERVIEW PETER UNFRIED FOTO MARCUS DEWANGER

taz: Herr Habeck, warum ist der Vater in der Krise?


Robert Habeck: Die Krise der Vaterschaft rührt daher, dass es heute zwei widersprüchliche Anforderungen an Väter gibt. Einmal ist da die alte Anforderung, in einer schneller werdenden, auch von Armut bedrohten Gesellschaft, in einer brutaleren Arbeitswelt selbst auch immer brutaler, schneller und härter zu werden. Das ist die alte Ernährerdiskussion im neuen, globalisierten, börsengeschüttelten Gewand.

Und die zweite Anforderung?

Die zweite Anforderung ist, gleichzeitig sensibler zu sein, viel Zeit mit dem Kind zu verbringen, ein emotionaler Vater zu sein. Beides zusammenzubringen, also härter und brutaler zu werden und gleichzeitig sensibler und empfindsamer, dafür gibt es keinen Rollenentwurf. Die neue und die alte Anforderung beißen sich. Die Folge ist: Männer werden häufig gerade deshalb keine Väter, weil sie gute Väter sein wollen.

In den 80ern haben Männer gesagt: Ich kann keine Kinder in die böse Welt setzen. Ideologischer Zeugungsstreik, damals gern bekräftigt durch Sterilisierung. Und jetzt sagen sie: Ich kann keine Kinder in eine Welt setzen, in der ich der Vater wäre?

Jetzt würde man sagen, ich würde gerne Kinder in die Welt setzen, aber ich weiß nicht, ob ich es schaffe, ein guter Vater zu sein. Ich nicht weiß, wie ich beruflich kürzertreten soll, und nur als Zierde will ich ein Kind nicht, also lasse ich's lieber bleiben.

Oder weil ich das Geld nicht garantieren kann?

Ja. Es ist ein harter Schlag für alle Romantiker der Familienpolitik. Aber einer der entscheidenden Gründe, aus denen Paare sich gegen Kinder entscheiden, ist das Fehlen einer Einkommensperspektive. Die ist heutzutage oft erst ab dem 35. Lebensjahr gesichert. So verzichten viele ganz lange auf den Wunsch, Kinder zu kriegen. Nicht weil sie lieber ins Kino gehen, sondern weil sie den Ansprüchen, die sie an sich selber stellen, Genüge tun wollen.

Dann hat die Frau das Kind doch bekommen, und der Mann fängt plötzlich an, wie blöd zu arbeiten. In Ihrem Buch nennen Sie das nicht Flucht vor der Verantwortung, sondern Übernahme von Verantwortung. Warum?

Solange man das Problem als individuelle und biologisch-psychologische Disposition sieht nach dem Motto "Männer sind machtgeile Machos" oder "Männer-haben Angst vor dem nassen Lappen", verfehlt man die anstehende politische Debatte. Man muss sich vom Klischee "Mann" lösen und Geschlechter entlang von Rollen- und Gesellschaftsmechanismen beschreiben. Dann erkennt man zwangsläufig: Die neuen Väter entfernen sich aus Sorge um das finanzielle Auskommen oftmals ungewollt von ihren Familien.

Die Frau wirft ihm vor, dass er sie allein und im Stich lässt.

Solcher Vorwurf klingt wie von gestern. Beide Geschlechter fallen zurück in Rollenklischees, die beide gar nicht wollen.

Jedenfalls gibt es auch im 21. Jahrhundert fast keine Frauen in der Ernährerrolle.

Ebendas ist auch das Problem der Männer. Beide Geschlechter verhalten sich völlig synchron und letztlich auch rational. Wenn skandalöserweise Bildung so stark vom Einkommen des Elternhauses abhängig ist und wenn unsäglicherweise Frauen so deutlich weniger verdienen als Männer, dann müssen beide ja nur eins und eins zusammenzählen. Dann sagen sie mit Blick auf die Zukunft ihrer Kinder: Ja gut, dann holt der das Geld rein, der mehr kriegt. Also müssen sich Männer dafür einsetzen, dass Frauen gleich viel verdienen, und Frauen dafür, dass Männer weniger arbeiten.

Der Mann will mehr in der Familie sein, die Frau mehr berufliche Erfüllung. Beide müssten sich doch aufeinander zubewegen?

Ich befürchte, dass wir gerade dabei sind, den Moment zu verpassen, diese Bewegung zu ermöglichen. Die neuesten Untersuchungen sagen: Obwohl die Geschlechter sich aufeinander zubewegen wollen, entfernen sie sich voneinander. Die Männer werden immer mehr wieder zu Arbeitstieren. Die Frauen finden das okay.

Ist das gar keine kulturelle Frage, sondern nur eine politische, eine Arbeitsmarktfrage?

Es ist beides. Wenn man sich die Geschichte der Vaterschaft anguckt, also der Rollenbilder, die für Väter bislang gegolten haben, sieht man, dass die ganz eng mit der Organisation des Arbeitsmarktes und der gesellschaftlichen Produktionsformen verknüpft war. Jetzt kann man es umdrehen und sagen: Die Krise der Väter ist ein starkes Indiz für die Krise der Arbeitswelt und eines Systems des Immer-mehr-haben-Wollens. Die Politik will das nur noch nicht wahrhaben. Es wird aber auch ein neuer kultureller Ansatz sichtbar, wenn man die Männer betrachtet. Die Frauenemanzipation konnte diesen Umbruch nicht so deutlich machen, weil sie noch aus dem alten Systemgedanken heraus funktioniert. Also mehr Lohn, gleichen Lohn zu haben, mehr Karriere, gleiche Karriere zu machen.

Berechtigt.
Mehr als das. Es ist eine soziale Bewegung im Sinne des alten Jahrhunderts, und dass sie nicht erfüllt wurde, ist ein Skandal. Aber ihr Blick richtet sich nicht auf den kulturellen Umbruch, den ich jetzt sehen zu können meine.

Der Feminismus und auch noch der Postfeminismus blockieren diesen gesellschaftlichen Umbruch?

Wer ist schuld an der Krise der Männer? Die bösen, bösen Feministinnen, die uns die Arbeitsplätze wegnehmen und uns in eine Rollenidentität stürzen - das ist ideologischer Blödsinn aus dem konservativen Männermilieu.

Gut. Nach Klärung der Bösefront noch mal: Blockiert der Feminismus?

Es gibt da einen Widerspruch aus der alten Emanzipationsdebatte der Frauen und der jetzigen Problemlage der Männer. Das läuft nicht aufeinander zu, das läuft aneinander vorbei. Der nächste Schritt ist nicht, zu sagen: Ich will so viel Geld verdienen wie Josef Ackermann. Der nächste Schritt ist, zu sagen …

… Geld allein macht auch nicht glücklich? Herr Habeck!

Nein, warten Sie. Der nächste Schritt ist: Mit den Männern zusammen einen halben Schritt zurücktreten und sagen: Es muss ein Maß an Lebenszufriedenheit und Balance geben, das es beiden Geschlechtern ermöglicht, die Dinge des Alltags und des Berufs miteinander auf die Reihe zu kriegen. Die Chance besteht darin, dass die Frauen sagen: Okay, es gibt eine Verunsicherung bei den Männern; die machen wir fruchtbar für eine wahre Gleichberechtigung. Das bedeutet aber auch, dass sie es nicht bei der Forderung "Gleiche Macht auch für uns" belassen. Sie müssen sagen: "Weniger Macht für alle".

Die Frauen müssen das Problem des Mannes sehen und nicht nur den Mann als Problem?

Das hätte ich nicht besser sagen können.

CDU-Ministerin von der Leyen feiert ihr Elterngeld als großen Erfolg und ist inzwischen auch unter linksliberalen Frauen eine Heldin.

Das Elterngeld ist systematisch völlig falsch aufgestellt. Es funktioniert nach der Logik des Hausfrauen- und Ernährermodells, es werden einfach mal die Rollen für ein Jahr geändert.

Aber das System wird gewahrt?

Nur weil Männer ein Jahr zu Hause bleiben, ist die Emanzipation keinen Schritt vorangekommen. Alle Indizien, die ich gesammelt habe, sagen, dass genau das die Partner gar nicht wollen. Es geht ihnen darum, einen gemeinsamen Alltag zu teilen. Also vielleicht sechs bis acht Stunden am Tag zu arbeiten und nicht zwölf. Und damit eine geteilte Woche hinzukriegen.

Wie läuft das bei Ihnen?

Unser Arbeits- und Lebensmodell ist sicher nicht so ganz leicht auf andere zu übertragen. Meine Frau und ich leben und arbeiten seit zehn, elf Jahren als Schriftsteller zusammen. Alle unsere Bücher sind gemeinsam geschrieben und unter unser beider Namen veröffentlicht, sodass wir immer gleich erfolgreich oder weniger erfolgreich sind. Wir verdienen etwa gleich viel Geld und machen die gleiche Karriere - oder eben auch nicht.
Wie funktioniert der Wechsel zwischen Arbeit und Familienarbeit?

Der hat sich gerade verschoben. Vor Kita und Schule konnten wir nur gemeinsam arbeiten, wenn die Kinder schliefen. Da waren wir auch meist selbst müde und mussten uns mit Koffein aufputschen. Tagsüber wurde dann in Textform festgehalten, was wir uns nachts erarbeitet hatten. Das machte jeweils die oder der, der wacher war. Inzwischen haben wir die Zeit, die die Kinder in Kita und Schule sind, um gemeinsam konzentriert zu arbeiten.

Wenn Sie alles gemeinsam machen, warum haben Sie dann "Verwirrte Väter" allein geschrieben?

Tatsächlich scheinbar ein Widerspruch! Ich schreibe ein Buch über die Möglichkeit eines geteilten Zusammenlebens und breche genau damit mein eigenes. Der Grund ist: Wir haben schlicht mehr Zeit, seit die Kinder sich selbst in den Schlaf lesen. Meine Frau gründet eine Band, ich engagiere mich politisch ein wenig - und schreibe ein Buch. So gesehen ist es eher Erweiterung der gemeinsamen Möglichkeiten als ihre Einschränkung.
Sie haben immer zu Hause gearbeitet?

Von Lesereisen und Parteitagen abgesehen, ja. Man braucht ein hohes Maß an Selbstdisziplin. Man hat ja auch ständig den Nerv, wenn die Kinder ankommen und den Ball aufgepumpt haben wollen oder sich in der Wolle haben. Aber es ermöglicht eben auch einen schnellen Betreuungswechsel oder auch Arbeitswechsel. Aber klar, verallgemeinerbar ist das so nicht. Verallgemeinerbar ist aber, dass es besser ist, Konflikte miteinander zu erleben und zu erleiden, als sie gar nicht mitzukriegen.

Das ist die zusätzliche Lebensqualität, dass man Konflikte erleben darf?

Jedenfalls ist das Gegenteil, eine heile Welt zu haben, widerspruchsfrei, schmerzfrei und steril zu leben, für mich weniger erstrebenswert.

Haben Sie auf eine Kandidatur als Bundesvorsitzender der Grünen verzichtet, weil Sie private Konflikte bevorzugen?

Ich hätte diese Konflikte nicht mehr austragen können, wenn ich in Berlin leben würde und meine Familie an der dänischen Grenze. Aber klar ziehe ich den politischen Konflikt dem privaten vor. Es ist ja auch nicht so, dass ich keinen politischen Anspruch und Ehrgeiz hätte. In Berlin hätte ich ihn aber nicht erfüllen können. Gerade weil ich mich bei Konflikten ganz gern durchsetze.

Ein Kritiker warf Ihnen eine elitäre Milieudiskussion vor, während neunzig Prozent der Leute damit beschäftigt seien, ihre Ökonomie auf die Reihe zu kriegen.

Auch das Milieu, von dem Sie sprechen, will vor allem seine Ökonomie auf die Reihe kriegen. Wenn man Kinder bekommt, brechen einem die Ideale häufig unter den Händen kaputt, vor allen Dingen, weil Kohle so wichtig wird.

Welche Ideale?

Kinder gemeinsam zu erziehen und sich den Alltag zu teilen, gleichermaßen Karriere und Beruf zu machen. Ich habe vor allem über die Ansprüche der Männer an sich selbst geschrieben, für ihre Kinder da zu sein, als Freunde, und sie nicht nur morgens zur Kita zu fahren und am Wochenende mal irgendwie ins Kino zu gehen. Für etwa sechzig Prozent der Väter ist klar, dass sie nicht auf Kosten der Frau leben wollen.
Sie sagen, beide müssen Macht abgeben. Heißt das auch: Die Mutter muss Muttermacht abgeben?

Klar. Es kommt nicht so selten vor, dass Frauen ihren Männern die Familienarbeit abnehmen, weil sie es schneller oder besser können. Oder zu können meinen. Auch das ist eine Machtfrage. Beide Geschlechter müssen weniger auf Macht und weniger auf Geld sehen. Die Frau muss auch sagen: Ist doch okay, wenn du ein bisschen weniger verdienst als ich. Ich liebe dich trotzdem.

Hätten Sie ein Taschentuch? Es wird etwas rührselig.

Im Gegenteil, es wird ernst und schmutzig. Noch immer suchen sich die allermeisten Frauen Partner, die mehr verdienen als sie. Das wissen die Männer natürlich auch. Ihr Ego, auch ihr erotisches Ego, wird durch den Kontoauszug mitgeprägt.

Das Ego ist aber beeinflusst durch das kulturelle System.

Mann und Frau haben ihr Selbstverständnis geändert - schneller sogar als die gesellschaftlichen Umstände. Das führt jetzt zu neuen Unsicherheiten und Problemen. Und die werden eben nicht politisch korrekt gelöst. Jetzt sind wir an einem Punkt, an dem sich entweder die Umstände ändern müssen, oder wir fallen zurück in die Zeit vor der Emanzipationsaufklärung.

Sie meinen: 50er-Jahre-Stil?

Die Gegenaufklärung à la Eva Herman, Matthias Matussek oder Bernhard Bueb hat jedenfalls höhere Verkaufszahlen als ich. Ihre These ist dabei nur: Männer sind groß und stark, und Frauen sind klein und schwach, und das kann nicht anders sein. Wenn wir jetzt nicht die Rahmenbedingungen so ändern, dass wir zeigen: "Ihr täuscht euch alle, es funktioniert", dann werden die Veränderungsfeindlichen den Fortschritt der letzten zwanzig Jahre wieder einstampfen und als Verirrung der durchgeknallten Achtundsechzigerlinken stigmatisieren.

Jetzt simulieren Sie aber auch den Lagerwahlkampf.

Eben keinen Lagerwahlkampf. Ich handle mir ja gerade eher einen Zweifrontenkrieg ein gegen Autoritätsansprüche von links wie von rechts. Mir geht es um einen offensiven, radikalen Schritt raus aus der Achtundsechziger-Emanzipationsdebatte. Mir geht es darum, nicht vor einer sich modern gebenden CDU zurückzuweichen und gleichzeitig keine Angst zu haben, Familienpolitik als linkes Projekt oder als emanzipatorisches Projekt zu begreifen. Ich sage nicht: Familie ist das, was mich zwingt, so zu leben, wie ich nicht leben will. Ich sage: Familie ist das, was mir Freiheit gibt, so zu leben, wie ich will.

Was soll das heißen?

Familie steht unter einem erheblichen ökonomischen Druck. Aber innerhalb der Familie wird nicht ökonomisch gehandelt. Man beschäftigt sich mit seinen Kindern oder Partnern ja nicht, weil man etwas zurückbekommen will, sondern weil es glücklich macht. Für mich ist das Freiheit. Und so würde ich Familienpolitik definieren: nicht biologisch, sondern ethisch. Familie ist das Gegenteil von Firma.

Ist das ein künftiger Wahlkampfslogan?

Ach was. In der Bindung ans Kind erlebt man eine Verantwortung, die nicht auf einen Ertrag gerichtet ist. Man investiert Zeit und Geld und Mühe und Liebe und hat keine konkrete Erwartung, was dann zurückkommt. Das Tun ist der Sinn der Sache. Das ist das Erstrebenswerte. Es ist fundamental dem entgegengerichtet, was wir im beruflichen Leben machen: Da schreibt man jedes Buch, um es zu verkaufen.

Von den neukonservativen Denkmodellen zur Familie halten Sie erkennbar nichts.

Ich halte sie intellektuell für plump und politisch für einen Minderwertigkeitskomplex. Die Denkfiguren dieser neukonservativen Leute funktionieren immer mit den gleichen Unterstellungen. Die eine ist, dass es etwas Bewahrenswertes gibt, dass früher alles besser war.

Die heile Familienwelt vor 1968 mit dem traumatisierten Nazi- oder Soldatenvater und den unterdrückten Kindern?

So weit muss man vielleicht nicht gehen. Aber klare Rollen von Männlichkeit und Weiblichkeit. Klare Bandagen, was Erfolg ist, Gehorsam statt Konflikt, dieses Zeug. Die zweite Unterstellung ist dann, dass jemand das Paradies zerstört habe. Das sind dann wahlweise die Achtundsechziger, die Grünen, die Linken oder Alice Schwarzer.

Und wenn nun Männer halt doch gewisse Eigenheiten hätten …

Ich wäre der Letzte, der das leugnen würde. Androgynität ist ja auch gar nicht das Ideal. Aber daraus, dass es Dinge gibt, die scheinbar natürlich sind, folgt ja nicht, dass unsere Spielregeln sie blind verstärken. Sie könnten sie ja auch ändern. Gerade weil das männliche Gehirn durch Testosteron so zerstört ist, dass Jungen brüllen und raufen, sollte man ihnen beibringen, auch mal zuzuhören. Und Männern auch.

Wenn Sie in Ihrem Buch die Entwicklung der Vaterschaft seit dem pater familias der römischen Antike analysieren, dann gibt es für Sie keine Zeit, die Modellcharakter hat.

Modellcharakter hat die Abfolge von Fortschritt und Rückschritt. Wir erlebten, so schräg das klingt für Leute, die Hartz IV für eine schlechte Idee halten, in den letzten zehn Jahren eine Phase der Aufklärung. Aber wenn es so läuft, wie es immer in der Historie gelaufen ist, folgt darauf die Gegenaufklärung. Und dass die Wirtschaft durchgedreht ist und dass die Opfer des Aufschwungs so viele werden, wird das Verlangen nach Sicherheit und Orientierung nur noch verstärken. So begrüßenswert das für den Arbeitsmarkt sein mag, kulturell will ich das lieber nicht.

Sie fordern eine neue Arbeitspolitik.

Eine Arbeitszeitpolitik. Dass man sich staatlicherseits stärker mit der Arbeitszeit beschäftigt, ist ein wesentlicher Schlüssel. Alle egalitären Umverteilungsmodelle, die ersonnen werden, auch das Grundeinkommen, werden nur dann wirklich funktionieren, wenn es einen staatlichen Steuerungsmechanismus gibt, die Zeit der Arbeit halbwegs gerecht für die Menschen aufzuteilen. Das ist auch die direkteste Antwort, die man aus der Notsituation der Väter und Mütter heute ableiten kann.

Wie kann man das organisieren, ohne zu stark in die Freiheit einzugreifen?

Nicht über Verbote. Überstunden müssten lediglich unattraktiver werden. Man setzt Überarbeitung und "Unterarbeitung", die Arbeitslosigkeit, in Beziehung. Zu viel arbeiten ist asozial. Also beziehen wir den Faktor Zeit in unser Steuer- und Abgabensystem ein. Es gibt ein messbares Bedürfnis, weniger zu arbeiten.
Manche brauchen mehrere Jobs, um durchzukommen.

Ja, weil die zu schlecht bezahlt sind oder weil das Sozialsystem sie nicht ausreichend stützt. Glücklich sind die aber nicht mit ihren drei Jobs. Das spricht für die Schaffung eines gerechteren Sozialsystems, aber nicht gegen die Arbeitszeit als neues Steuerungsinstrument.

Übernehmen Sie doch mal die Deutungshoheit über den Begriff "bürgerliche Kleinfamilie", Herr Habeck.

Ach, Begriffe interessieren mich gar nicht. Von außen betrachtet, lebe ich in einer bürgerlichen Kleinfamilie, wohne auf dem Land, bin selbstständig, verheiratet, die Kinder sind meine eigenen. Soll mir das jetzt peinlich sein? Entstanden ist das alles eher aus dem Wunsch, es nicht so zu machen, wie es vorgezeichnet war. Frühes Kind statt Festeinstellung, Schriftsteller statt Lektor, dänische Grenze statt Hamburg, weil da das Geld reicht, so zu leben, wir wollen - ich find meine bürgerliche Kleinfamilie eigentlich ganz cool.

Und die Moral von der Geschichte?

Die Moral ist, keinen Lebensentwurf vorzuschreiben, aber viele zu ermöglichen. Mehr sollte ein Staat gar nicht anstreben. Für die Väter haut aber genau das nicht mehr hin, so zu leben, wie sie eigentlich wollen. Also übertragen wir die privaten Probleme auf die öffentliche Ebene. Das, was früher in der Kleinfamilie gefangen war, findet dann auf der staatlichen Ebene statt. Das wäre eine neue Debatte. Sie würde den Rückfall in die alte verhindern.

PETER UNFRIED, Jahrgang 1963, ist stellvertretender Chefredakteur der taz (1,0-Stelle) und lebt mit Frau (0,6) und zwei Kindern (Schule und Hort bis 16 Uhr) in Berlin.


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FaviconDie spinnen die Amis! 23 Oct 2008, 1:05 am

Während die eventuelle zukünftige Vizepräsidentin der Amerikanerin mit ihren Deisgnerklamotten Negativ-Schlagzeilen macht, sind wiedermal Kinder Opfer des Designwahns: In L.A. gibt es seit neustem Perücken für Babies!

Neuer Trend aus den USA - witzig oder geschmacklos?

Lust auf eine Typ-Veränderung? Nein, nicht für Sie - diesmal ist es Ihr Baby, das in eine ganz neue Rolle schlüpfen kann. In Sekundenschnelle haben Sie dann die Mini-Version von Bob Marley, Lil Kim oder Donald Trump auf dem Arm.

Wie das? Mit Hilfe von bizarren Perücken, BabyToupees genannt. Wenig überraschend stammt die Idee aus dem Los Angeles County im Herzen Kaliforniens, wo sich nun auch die Kleinsten mit mehr oder weniger modischen Accessoires schmücken können.

Finden Sie den Flaum am Kopf Ihres kleinen Lieblings zu langweilig, können Sie ihm mit dem Bob Marley-Toupee ein paar coole Dreadlocks verpassen. "No Baby, no Cry" („Baby, weine nicht“), lautet der Slogan auf der Seite www.babytoupee.com. Ob Ihr kleiner Perückenträger das auch so entspannt sieht, ist eine andere Frage. Eine Perücke kostet 21,99 Dollar und passt Babys zwischen einem und neun Monaten.

Hier die Bilder.

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FaviconUnmännlich? 21 Oct 2008, 12:28 am

Und wiedermal spricht mir der Friedli aus der Seele. Nicht nur, was seine Kritik an unserem Lieblings-Roger angeht, auch die Tatsache, dass Männer in Frauenpositionen Schwierigkeiten haben, ernst genommen zu werden.


Wieso ist das eigentlich umgekehrt mittlerweile weniger der Fall? Eine Automechanikerin ist doch ziemlich cool, wenn nicht gar sexy. O.k., was da für sexuelle Männerfantasien mit hineinspielen, sei mal mal dahingestellt. Aber Frauen, die sich in klassischen Männerberufen durchsetzen, sind stark. Männer in sogenannten Frauenberufen sind etwas peinlich. Nicht?

Dann denkt mal an die männlichen Hebammen, Pfleger, Sekretäre und Krippen-Betreuer. Glaubt ihr nicht auch, dass die im Kollegenkreis etwas Mühe haben? Ganz zu schweigen von den Vermutungen über ihre sexuellen Neigungen... Und dieses "Problem" scheint eben auch Männer anzugehen, die den Haushalt schmeissen und ihre Kinder erziehen. Ohne Krawatte!

Aber wie eine Studie, die auch Herr Friedli vor nicht allzu langer Zeit erwähnt hat, bewiesen hat: Männer, die im Haushalt mit anpacken, machen ihre Frauen glücklicher und zufriedener. Ergo mehr Sex, ergo weniger Scheidungen. So und jetzt lest bitte die neuste "Hausmann-Kolumne" selber:

Männerfrage?
Mich kann man ja nicht ernst nehmen. Denn: «Ein Mann kann nicht erwarten, ohne Krawatte wirklich ernst genommen zu werden.» Der Chefredaktor der «Weltwoche», Roger Köppel, schrieb das, ich habs mir rausgerissen. Ui ui ui, wann trage ich schon Krawatte? Höchstens zu Hochzeiten. Heuer also ein einziges Mal, als Ruth und Philip heirateten. Die einzige Krawatte in meinem Besitz ist übrigens – jetzt wird eine Frau Sigg laut aufkreischen – rosa. Besagter Frau Sigg stiess meine Schwäche für Bébékleidchen sauer auf: «So was von Kitsch geht einem ganz gehörig auf die Nerven!», mailt sie. Und fragt: «Sehr geehrter Herr Friedli, haben Sie nicht langsam das Gefühl, Sie übertreiben etwas mit Ihrem ‹Frau/Mann-Sein›. Bei Ihnen hat man das Gefühl, man sollte Sie selber in einen Strampler stecken.»

Vermutlich verhält es sich mit Frau Sigg und Herrn Köppel ähnlich: Unsere Bilder von einem Mann sind unvereinbar. Mich stört nicht, dass ich selten bis nie krawattiert bin. Und, sorry, ich fühle mich, wenn ich Babysachen aussuche, durchaus als Mann. Sogenannt «männliche» Eigenschaften hab ich immer noch genug. Welche vernünftige Hausfrau würde zwei Nachbarinnen und einen Schwiegervater als Kindersitter einspannen, damit sie, wie ich unlängst, den Young Boys im fernen Brügge beim Verlieren zuschauen gehen könnte? Eben.

Es stellt sich die Urfrage, wann ein Mann ein Mann ist. Das mit der Krawatte erfülle ich kaum. Dafür gröle ich primitiv in Fankurven. Gibt das Punkte auf der Köppel’schen Männerskala? Und gibt es Abzug, weil ich Hanslis Wölfli-Abzeichen ziemlich einwandfrei aufs Pfadihemd genäht habe? War das unmännlich? Bin ich gar ein Weichei, weil ich meiner Frau zuweilen die Blusen bügle, die sie trägt, wenn sie ins Büro geht? Ich finde, man dürfe beides, «Schiri, du Pfiiiiffe!» johlen und Blusen glätten. Kann nicht schaden, die Rollen etwas aufzuweichen. Dass unsere Tochter, die Fussballerin, ein «typisches» Knabenhobby hat, stört mich ebenso wenig wie, dass der Bub manchmal mit Puppen spielt. Mich dünkt nämlich, die Welt wäre keine schlechtere, wenn mehr Männer Freude an rosa Stramplern hätten statt an, sagen wir mal, Geländewagen und Knarren. Und ich musste schmunzeln, als der «Blick» neulich von «Männerdiskriminierung» und drohendem Matriarchat hyperte, nur weil ein Entwurf zum neuen Namensrecht vorsieht, Mütter könnten verlangen, dass die Kinder ihren Nachnamen tragen. Haben Sie etwa geglaubt, unsere Kinder hiessen Friedli? Dann muss ich Sie enttäuschen. Und es kratzt mich so was von nicht, dass sie nicht meinen Namen tragen.

Herr Köppel übrigens schreibt in seinen jüngsten Editorials, zu denen er stets adrett mit blauer Krawatte posiert, die Bankenkrise sei keineswegs eine Krise des Kapitalismus, nein, nein, all die Linksnostalgiker und Liberalisierungsskeptiker hätten unrecht, der Staat müsse jetzt nur hurtig den Banken auf die Beine helfen und dann schleunigst wieder abstinken und die freien Märkte ungehindert wuchern lassen …

Wenn ich solches lese, bleibt einzig anzufügen: Manche Männer können auch mit Krawatte nicht erwarten, ernst genommen zu werden.


Text Bänz Friedli

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FaviconBaby-Tagebuch: Mein Baby wird grosser Bruder 1 Oct 2008, 2:15 am

Weil selber ein Einzelkind, wusste ich eigentlich immer, dass mein Sohn Geschwister haben wird. Obwohl es natürlich Zeiten gab, in denen ich nur ein Kind ganz praktisch fand. Alles nur einmal: Trotzalter, Nuggi abschaffen, nur Einen abzugeben, wenn wir mal ins Restaurant wollten. Aber ich bin schwach geworden. Und jetzt stehen mir vier weitere Windeljahre bevor, obwohl ich gerade erst den Wickeltisch wieder in den Keller geräumt habe.


Vor meinem ersten Kind war mir nicht bewusst, wie uneingeschränkt meine Liebe zu diesem unbekannten Wesen sein würde. Dass ich alles, wirklich alles dafür täte, um unser Kleines zu beschützen. Es gab Tage, da wollte ich mir meinen Spatz in die Tasche stecken, damit ihm bloss nichts passiert. Und jetzt soll ich dieselben extremen Gefühle für ein zweites Baby empfinden?

Was wird mein Grosser davon halten? Er hat zwar keinen eifersüchtigen Charakter, aber was weiss ich schon, was so ein kleiner Schreihals in ihm auslösen kann. Obwohl er sehr fürsorglich mit seiner Mama ist, seit er weiss, dass sie ein Baby im Bauch trägt. Er stellt auch ganz viele Fragen, wie „Wo wird das Baby schlafen?“ oder „Du schnallst es im Auto auch an, nicht wahr?“, oder aber auch „Wo kommt denn das Baby raus?“ Da wird es schon komplizierter.

Ich mache mir jetzt einmal ein paar Gedanken zu der wohl oder übel kommenden Frage: „Wie ist das Baby denn da reingekommen?“ Hat jemand einen Tipp, wie man das einem Vierjährigen erklärt?

Illu: comicfactory.com

Erschienen in der Oktober-Ausgabe von wir eltern.

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FaviconKeine Freiräume für Mütter 22 Sep 2008, 9:47 am


Mütter möchten mehr Freiraum, Väter tendieren zu altem Rollenverständnis. So sieht es trotz gegenteiligen Berichten in der Presse die "Vorwerk Familienstudie 2008".

Zwei Drittel der 1800 Frauen im Alter von 16 bis 29 Jahre wünschen sich mehr Raum für die eigenen Interessen, weg von Kind und Küche. Was zu erwarten war. Umso erstaunlicher scheint die Meinung der gleichaltrigen Männer. Nur jeder Dritte findet Freiräume für Mütter wichtig. Der Ehekrach ist vorporgrammiert.

Bei der Hausarbeit ist das Ergebnis wie erwartet: Drei Viertel der Frauen bewältigen den Haushalt vorwiegend alleine, 30% gibt zu, dass dies schon zu ernsthaften Krisen mit dem Partner geführt hat. Sonst was Neues?

Studie: www.vorwerk.com


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FaviconRatschläge einer Grossmutter 22 Sep 2008, 2:00 am


Wir lieben unsere Mütter. Vor allem seit wir selber Kinder haben, weil wir hoffen, dass uns unsere Kinder auch als Erwachsene noch lieben werden. Aber manchmal...


Nerv!!!! Habe wiedermal zuviel Zeit mit meiner Mutter verbracht. Versteht mich nicht falsch, wir haben ein super Verhältnis. Telefonieren jeden Tag und erzählen uns viel. Aber sie ist ja jetzt nicht mehr nur meine Mutter, nein, sie ist auch Grossmutter. Und da hört der Spass auf.

Seit wir Nachwuchs haben, lässt sie mich wieder vermehrt spüren, dass ich doch noch nicht ganz so erwachsen bin, wie sie es sich wünschen würde. Bzw. nicht so verantwortungsbewusst. Und zwar weil es schon mal vorgekommen ist, dass mein Sohn seine Unterhose verkehrt rum anhat. Dazu möchte ich nur erwähnen, das sich mein Viereinhalbjähriger eben selber anzieht und nicht wie ich noch mit 7 nicht wusste, wie man die Beine nacheinander in eine Hose steckt.

Aber dieses Wochenende hat sie "den Vogel abgeschossen". "Darf ich dir mal was sagen, dass mir seit ein paar Tagen auf dem Herzen liegt?" Da weiss ich jeweils schon, dass etwas kommt, was entweder mit meiner Figur oder mit meiner Rolle als Mutter zu tun hat. Letzteres traf diesmal zu.

"Als ich letzte Woche bei dir auf den Kleinen wartete (sie holte ihn bei uns zu hause ab, da er bei ihr essen sollte, ich war nicht da), sass ich auf dem Sofa. Als ich aufstehen wollte, blieb mein Fuss fast auf dem Parkett kleben."

O.k. Und?

"Na ja", fuhr sie fort, "schliesslich kommen andere Mütter manchmal zu dir nach Hause."

Stimmt. Und?

"Also ich würde mein Kind nicht gerne in eine Wohnung mitbringen, in der der Boden klebrig ist."

???

Nach erster Sprachlosigkeit (kein häufiger Zustand bei mir), konnte ich nur noch erwidern, dass die Mütter, mit denen ich verkehre, genauso klebrige Böden und Brösmeli aufzuweisen haben wir ich. Habe ich recht?

Normalerweise schalte ich bei solchen hirnverbrannten Bemerkungen auf Durchzug, da ich aber als Schwangere hormongesteuert durch die Gegend rennen, will mir das zur Zeit einfach nicht so gelingen. Und deshalb: NERV!!!

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FaviconWeggezappt! 17 Sep 2008, 1:45 am

Immer mehr Schweizer Familien verzichten bewusst auf den Altar im Wohnzimmer. Ihr Alternativ-Programm? Leben!


Fernsehen macht Kinder dumm, dick, lese- und spielfaul, ihr Vorstellungsvermögen und ihre Sprachfähigkeit leidet, ihre Intelligenzentwicklung stagniert, ausserdem ruft es Asthma, Seh- und Haltungsschäden hervor – das alles kann man in Studien lesen. Auch wenn da manches ein bisschen übertrieben klingt, so kann der Griff zur Fernbedienung jedenfalls nicht als Sport bezeichnet werden und das Auswendig-Kennen des TV-Programms gilt nicht als intellektuelle Höchstleistung. Für einige Pädagogen ist schon lange klar, was Eltern zu tun haben: "Schafft den Fernseher ab!"

Doch sind sich nicht alle Experten über die Schädlichkeit des Fernsehens einig. Für Céline Langeberger, Kinderpsychologin an der Universitätsklinik in Lausanne, ist Fernsehen nur für Kleinkinder unter drei Jahren wirklich schädlich – dass einige Sender eigene Programme für Babies ab dem ersten Lebensjahr ausstrahlen, ändert an Langebergers Ablehnung nichts. Ab dem vierten Lebensjahr dagegen komme es sehr darauf an, wie das Medium genutzt wird, sagt die Psychologin. Kleine Portionen könnten dem Kleinkind viel bringen, sofern auf altersgerechte Sendungen geachtet werde. Wichtig sei, das Gesehene mit dem Kind zu besprechen, um dessen Eindrücke wahrzunehmen. Hierfür kommen Eltern nicht daran vorbei, die Sendungen mit den Kindern zusammen anzusehen.

Statt mit ihren Kleinen Kinderkanal zu schauen, verzichten jedoch manche Eltern auf ihre eigenen Lieblingssendungen und schaffen den Fernseher ganz ab. Die Einschaltquoten sinken, die Zahl der freiwilligen Nichtfernseher steigt, auch wenn sie niemand genau beziffern kann. Offizielle Statistiken existieren nicht. Wer sind denn die Nichtfernseher des dritten Jahrtausends? Weltfremde, fortschrittfeindliche, birkenstocktragende Moralapostel? Intellektuelle, denen die Gebühren zu schade sind, nur um ARTE zu sehen?

Lieber etwas unternehmen
Die Vermutung liegt nahe, dass Nichtfernseher bereits ohne TV aufgewachsen sind, sie dieses Medium also gar nie als Teil ihres Lebens sahen. Yvonne Guldimann aus Seewen kann sich jedoch sehr wohl an den Fernseher in ihrem Wohnzimmer erinnern, als sie noch ein Kind war. Sie durfte jedoch nur sehr wenig schauen. In den Wohngemeinschaften ihrer Studentenzeit hat sie dann einen ganz anderen Umgang mit dem Fernseher kennengelernt: Kaum waren ihre Mitbewohner zu Hause, schalteten sie schon die Kiste ein. Der Fernseher war für sie nichts anderes als Radio mit Bild. Yvonne Guldimann fand es eher schrecklich. Sie selber konnte sich für dieses Medium nie begeistern. «Mir nimmt diese Dauerberieselung Raum und Aufmerksamkeit, diese Pseudo-Betriebsamkeit verhindert in meinen Augen tolle Unternehmungen und echte Erlebnisse.»

Heute lebt Yvonne Guldimann mit zwei Kindern (das dritte ist unterwegs) und dem Vater der letzten beiden auf einem Bauernhof am Stadtrand. Sie gehören zu der Sorte Nichtfernseher, die ihre Freizeit lieber anders gestalten als mittels TV-Programm. Regelmässig reisen die Eltern von Iria und Orienga nach New York und treten mit ihrer Ethno-Pop-Band "1001Ways" auf. Wenn sie nicht gerade singt, arbeitet Frau Guldimann als Lektorin und ist "nebenbei" noch Hausfrau.

Auf die Frage, wie denn ihr "Alternativprogramm" zum Fernsehen aussehe, antwortet die bald dreifache Mutter: "Programm? So etwas haben wir nicht! Wir leben einfach!" Ihre Kinder doppeln nach mit einer nicht enden wollenden Liste von Aktivitäten, bei denen man sich fragt, ob andere Familien denn nicht die gleichen Dinge tun: Gartenarbeit, zeichnen, lesen, Musik hören oder musizieren, telefonieren, klettern, Fussball spielen, Briefe schreiben, im Stall helfen, Computerspiel spielen, Traktor fahren.

Ob sie denn nichts vermisse? Die 12-jährige Iria zuckt die Schultern. "Nein, eigentlich nicht. Meine Freundinnen erzählen mir in der grossen Pause die letzte Folge von 'Wege zum Glück' und so kann ich mitreden. Es nervt nur manchmal, dass Freunde von mir viel später ins Bett müssen, weil sie noch 'CSI' sehen dürfen." Ob sie denn die besprochenen Figuren nicht auch mal sehen möchte? "Als Leseratte bin ich es gewohnt, meine Fantasie spielen zu lassen", meint sie abgeklärt. Schockiert über das Fehlen eines Fernsehers sei bis jetzt nur ein Freund des 7-jährigen Orienga gewesen. Worauf dieser seinen fernsehlosen Kameraden zu sich einlud, fern zu sehen. Orienga wollte aber lieber noch länger draussen spielen.

Zufriedene Menschen
Familie Guldimann mag ein bisschen aussergewöhnlich sein. Doch in einem ist sie ganz typisch: Der deutsche Kommunikationswissenschaftler Peter Sicking hat nämlich festgestellt, dass Nichtfernseher ausgesprochen zufriedene Menschen sind. Manche hätten schlicht keine Zeit, fern zu sehen. Andere verzichten bewusst auf den Konsum, weil sie andere "Hobbies" bevorzugten. Allerdings existiert laut Sicking auch eine Gruppe von Nichtfernsehern, die sich zwingen, aufs Fernsehen zu verzichten: Sie wissen, sie würden sonst süchtig.

Eliane Schneider beschreibt ihren neunjährigen Robin manchmal als "für die Aussenwelt nicht mehr erreichbar". Robin hockt dann auch vor einem Bildschirm, aber es ist kein Fernseher, sondern ein Computer, und Robin guckt dann nicht "Die wilden Kerle", sondern spielt ein Game. Der 9-jährige darf mit einer gewissen Regelmässigkeit an den Computer, um zu spielen. Fernsehen dagegen kann Robin nicht, genauso wenig wie seine beiden Geschwister – bei den Schneiders gibt es keinen Fernseher. Ist das nicht inkonsequent? Überhaupt nicht, findet Eliane Schneider: "Bei seinen Computerspielen ist er im Gegensatz zum Fernseher wenigstens aktiv und trainiert seine Reaktionsfähigkeit."

Wie steht es denn mit dem Vorurteil, Nichtfernseher seien fortschrittsfeindlich und technophob? Peter Sickings Studie unterstützt dies jedenfalls nicht. Die meisten Nichtfernseher nutzen Computer & Co. und wissen, dass auch ihre Kinder früh den Umgang mit den neuen Kommunikations-Techniken üben müssen.

Doch der Fernseher gehört eben für manche Eltern nicht unbedingt dazu. Die Familie Schneider lebt seit jeher ohne Fernseher, einen zu besitzen war nie ein Thema. Studium, Reisen und ein reges soziales Leben brachten den Fernseher einfach nie auf den Plan, so dass es auch nie etwas zu vermissen gab.

"Die Kinder dürfen bei Nachbarn und Freunden schauen, wenn auch bitte nicht zuviel", meint Jean-Daniel Fivaz, der Vater der Schneider-Kinder. Überraschenderweise hat der 9-jährige Robin eine sehr vernünftige Einstellung dazu. "Fernsehen ist nicht alles im Leben, ich habe